Home » Reisethemen » Deutschland » Berlin » Eine Zeitreise in die DDR – Eine Übernachtung im Ostel Berlin
Berlin

Eine Zeitreise in die DDR – Eine Übernachtung im Ostel Berlin

1982 (ich war gerade mal 10 Jahre alt) zog ich mit meinen Eltern nach Marzahn. Dieser Stadtbezirk im Osten Berlins war damals gerade im Entstehen und für mich das Paradies. Schließlich bewohnten wir eine Wohnung, in der jedes Kind (wir waren zu dritt) sein eigenes Zimmer bekam und die Beengtheit aus der 2-Raumwohnung nun ein Ende hatte. Aus den danach folgenden Jahren habe ich jede Menge wunderschöner Erinnerungen mitgenommen und auch die Liebe zum Plattenbau ist mir geblieben.

Ostel Berlin

„Willst du eine Zeitreise unternehmen ?“ So schrieb mich Janett eines guten Morgens an. Ziemlich verwundert fragte ich sie, was sie damit meinte. Schnell erklärte sie mir, das mitten in Berlin die DDR immer noch besteht. Das wollte ich natürlich gerne mal ausprobieren, schließlich liegt dieses Hostel nicht nur zentral direkt am Berliner Ostbahnhof (und somit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln leicht zu erreichen), sondern auch in einem der wenigen noch übrig gebliebenen Ost-Plattenbauten der Stadt.

Die Anreise erfolgt noch ganz „westdeutsch“. Wir folgten blind unserem modernen Navi und landeten prompt in einer kleinen Sackgasse. Genau dort lag der Hauseingang zum Wriezener Karree Nr. 5 – unser Ziel. Nun ja – kein Problem. In der Nachbarschaft fanden wir tatsächlich recht schnell einen Parkplatz und legten die letzten paar Meter zu Fuß zurück.

Am Hauseingang prangt nicht nur das Schild des „Ostel„, sondern auch eine „Goldene Hausnummer“. Diese bekamen Häuser zu Ostzeiten (ob es das heutzutage noch gibt, weiß ich gar nicht), in denen sich die Mieter besonders gut um „ihr Haus“ gekümmert haben (Reinigung, Pflanzenbeete etc. – JA!  Wir haben damals sowas selbst gemacht). Ich weiß noch, dass wir die goldene Zahl damals als Hausgemeinschaft auch unbedingt haben wollten.

Neugierig betraten wir das Haus. Wir, dass waren mein Mann und ich. Dazu sei gesagt, dass mein Mann ein gebürtiger Bayer ist. Und wenn auch schon mal einen Plattenbau von innen gesehen, so doch nicht „DDR-geprägt“. Und dazu ich: Ost-Göre – aber in einem Hotel hat meine Familie damals trotzdem nie übernachtet. Dementsprechend gespannt waren wir auf das, was uns erwartete.

Gleich in den ehemaligen Paterre-Wohnungen betraten wir die Rezeption, die im Stil eines ehemaligen Flughafens gestaltet wurde. Viele interessante Dinge gab es zu sehen (wenn ich auch immer noch nicht weiß, welche DDR-Größe auf dem Bild zu sehen ist). Denn auch einen Flughafen habe ich zu Ost-Zeiten nie besucht. Die Uhren mit den unterschiedlichen Zeiten in den befreundeten, sozialistischen Ländern, den Schrank mit dem Globus und dem netten Ost-Radio.

Ein erstes Grinsen machte sich auf unseren Gesichtern breit. Dieses wurde auch sofort von einer überaus netten Dame (die eindeutig zu jung war um selbst die DDR miterlebt zu haben) erwidert. Sie begrüßte uns und führte den Check-In mit uns durch. Dabei hatte wir unwahrscheinliches Glück: wir durften aus zwei Zimmern wählen. Es kam noch besser, da wir schon vorgewarnt hatten, das wir für Teilzeitreisender.de unterwegs waren, durften wir noch kurze Blicke und Fotoschüsse in einige weitere Räume werfen. Mehr davon in der folgenden Diashow. Unser Zimmer war danach schnell ausgesucht.

Ostel Berlin

Wir betraten bewaffnet mit allerlei Schlüsseln das Treppenhaus und machten uns auf den Weg in die erste Etage und in die Vergangenheit. Das Haus wurde vor einigen Jahren saniert, bzw. zumindest neu gestrichen und so ist das Treppenhaus in einem freundlichen Grün gehalten. Auf jedem Treppenabsatz stehen die obligatorischen Blumentöpfe, die es halt damals überall gab (auch in den normalen Häusern). Einen Aufzug benötigten wir nicht, was dann auch gut war, denn diesen gibt es in diesem Haus mit 5 Etagen nicht. Ein ungewöhnlich vertrautes Gefühl, die flachen Stufen des Treppenhauses wieder einmal zu betreten.

Da die Zimmer in den ehemaligen klassischen Plattenbau-Wohnungen untergebracht sind, betraten wir vom Treppenhaus aus zuerst einen Flur in der zweiten Etage (durch die ehemalige Wohnungstür) und dann unser Zimmer. Und mussten erst einmal die Luft anhalten.

Ehrlich gesagt, wußten wir nicht, ob wir lachen oder weinen sollten! Die Möbel, Tapeten, Bücher und Dekorationsartikel der ehemaligen DDR erschlagen einen förmlich. Nicht, weil der Raum zu voll gestellt ist und auch nicht, weil sie nicht zusammen passen, sondern einfach nur, weil es ganz schrecklich ungewohnt und aus heutiger Sicht auch hässlich ist. Wobei sich über Geschmack natürlich streiten läßt. Nach einigen Minuten hatten wir uns auch an den Anblick gewöhnt und konnten somit alles genau unter die Lupe nehmen: das (fast) immer vorhandene Bild von Herrn Honecker, die Plastikstühle auf dem Balkon, die rote Nelke in der Blumenvase (wobei die eher 90er Stil ist) und die Tapete, die bei längerem Hinsehen schon leicht vor den Augen verschwimmt. Mein Mann meinte, der Geruch des alten Ost-Hotel-Flairs lag sogar noch in der Luft. Dieser ganz „spezielle“ halt (mir ist der gar nicht aufgefallen). Vor einigen Jahren – direkt nach der Wende – hat er mal eine Nacht in Zwickau in einem DDR-Hotel verbracht. „Die Einrichtung vom Ostel ist wirklich 1 : 1.“ erzählt er mir.

Die meisten Zimmer verfügen übrigens über ein Etagenbad (klar –  da es damals in den Wohnungen meist nur ein Bad gab). Allerdings gibt es auch Komfortzimmer, in denen sich das Bad im Zimmer befindet, bzw. zu denen ein bestimmtes Bad auf der Etage gehört. Wir begnügten uns für diese eine Nacht mit dem Etagenbad und hatten Spaß daran, lauschen zu müssen, ob denn die Badtür gerade gegangen und/oder das Bad gerade frei ist. Hatten wir erwartet, das in der Ecke eine gute alte „Röhre“ aus Ostzeiten zu finden wäre, wurden wir leider enttäuscht. Viel Ruhe und Zeit also zum Radiohören, Lesen oder auf dem Balkon die Seele baumeln lassen.

Ostel Berlin

Wie das bei so Zeitreisen ist, sie strengen natürlich an und machen hungrig. Direkt um die Ecke gibts deshalb ein standesgemäßes Restaurant, die  „Volkskammer“. Ganz im Stil der Deutschen Demokratischen Republik gehalten erinnert alles an längst vergangene Zeiten. Selbstverständlich setzt sich das Motto in der Speisekarte fort und so gab es für uns typische Gerichte: Würzfleisch als Vorspeise, danach „Berliner Luft“ und Steak „au four“ und als Nachtisch Palatschinken und dazu ein kühles Pilsner. Echt empfehlenswert, wir haben lange nicht mehr so gut gegessen.

Und so gut geschlafen: denn als wir abends müde und satt in unser riesen Bett fielen, übermannte uns sogleich der Schlaf und die Größe des Bettes (und die fehlende Besucherritze) brachten uns eine sehr erholsame Nachtruhe. So konnten wir frisch, munter und gut erholt am nächsten Tag voll durchstarten – zur Trabbi-Tour! Dazu aber ein andern mal…

Das solltet ihr wissen, wenn ihr das „OSTEL“ in Berlin besucht:

  • In der „Volkskammer“ könnt ihr als Ostel-Schläfer für 7,50 Euro ein Frühstücksbuffet nutzen (inkl. Kaffee und einem alkoholfreien Getränk). Wer auch Mittags Hunger hat, kann von 11:00 – 15 Uhr die Volksvertreter und Arbeiterverpflegung für 6,50 Euro Geniessen.
  • Das Restaurant hat täglich von 11:00 und 22:00 Uhr geöffnet – und nicht nur für Ostelgäste zugänglich
  • Die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist denkbar einfach, denn zum Berliner Ostbahnhof kommt man mit der S-Bahn und dem Regionalverkehr. Bereits vom Bahnhof ist das große Hinweisplakat für das Hostel zu erkennen und der Weg ist leicht zu finden. Mit dem Auto hatten wir leider einige Probleme, einen Parkplatz zu finden, da der Hauseingang in einer Sackgasse liegt und dort nur wenige Stellplätze vorhanden sind. Allerdings gibt es im näheren Umkreis jede Menge Parkmöglichkeiten.
  • Positiv: Für eine Nacht – um das damalige Flair der DDR zu genießen – ist dieses Hotel auf jeden Fall empfehlenswert! Das Personal ist sehr freundlich und entgegenkommend. Die Zimmer sind genauso, wie man sie sich vorstellt und wie sie damals gewesen sein könnten.
  • Die Lage im Plattenbau ist einerseits hervorragend, da zum Konzept passend, andererseits sind fehlende Aufzug sicher für Besucher mit Handicap ungünstig. Das Gleiche trifft auf das Etagenbad zu – nicht jedermanns Sache!
  • Die Preise für ein Zimmer liegen zwischen 40 und 90 Euro – für eine Zeitreise durchaus günstig !

Offenlegung: Die Übernachtung und das Essen sind eigenfinanziert von TZR, wir haben jedoch eine Spezialrate bekommen

Über den Autoren

Kerstin

Unsere Berlinkorrespondentin ist häufig in der Hauptstadt unterwegs und findet zusammen mit ihrer Familie so manchen tollen Geheimtipp. Ob Kulinarik, Kreativität, Museen oder Bücher, lernt durch ihre Berichte das "Zentrum der Macht" neu kennen....

6 Kommentare

Hier kannst du einen Kommentar abgeben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Wir bei Instagram

Sei ein Teilzeitreisender.de VIP!

Werde Teilzeitreisender.de - VIP!