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Nordrhein Westfalen

Dinner in the Dark – von einer kulinarischen Welt in Dunkelheit

Ich war schon immer ein wenig anders drauf. Während die meisten Frauen sich Blumen, Schmuck oder einen romantischen Liebesurlaub zum Geburtstag wünschten, konnten für mich Geschenke nicht originell genug sein. So kam es, das ich eine Eselpatenschaft, einen Floatingnachmittag und eben in einem Jahr auch ein Dinner in the Dark geschenkt bekam. Warum schreibe ich jetzt – rund 6 Jahre danach – über dieses Ereignis ? Nun ja, ich glaube es passt zum Thema Grenzenlos. Doch fangen wir von vorne an.

Es war ein milder Sommertag – in Köln war just an diesem Tag Christopher Street Day und wir wagten uns mitten ins Getümmel. Das erste Dunkelrestaurants Deutschlands – die UNSICHTBAR – war unser Ziel. Essen im Dunkeln, ich konnte mir darunter so gar nichts vorstellen.

Dinner in The Dark

Ein eher unscheinbares Restaurant ist der Eingang zur Unsicht-Bar. Auch das „Foyer“ sah nicht wirklich spektakulär aus. Schnell stellten wir jedoch fest, das wir nicht die einzigen sind, gut das wir reserviert hatten. Eine junge Dame spricht uns an: „Schön das sie da sind! Bevor wir gleich ins Restaurant gehen, möchten wir von Ihnen gerne wissen, ob sie bei ihrem Mehrgang-Menü einen bestimmten Wunsch haben? Wir haben Rind, Fisch, Geflügel, Vegan oder ein „Überraschungsmenü“ (das es heute leider nicht mehr gibt).“ Schnell sind wir uns einig – wir gehen auf Risiko. :)

Viel ist nicht mehr zu sagen, und uns begrüßt eine junge dunkelhäutige Dame, deren Name mir nicht mehr einfallen mag. Sofort stellte ich fest, das sie uns nicht sehen kann. „Ich freue mich, das sie heute unsere Gäste sind – ich begleitete sie heute durch den Abend. Wenn Sie einen Wunsch haben, geben Sie Bescheid!“

Keine Minute später stehen wir in einer Schleuse, einem kleinen Zwischenraum, der verhindern soll, das Helligkeit in den Gastraum fällt. „Geben Sie mir ihre Hand.Und nehmen Sie bitte die Hand ihres Freundes.“ bittet mich unsere Kellnerin und so führt sie uns durch das dunkle Restaurant zu unserem Tisch. Eine Dunkelheit umgibt mich, und ich höre unglaublich viele Geräusche. Das Gespräch am Tisch nebenan, das Schlürfen eines Mannes (ich hoffe das es ein Mann war) und das Scharren eines Stuhles. Es riecht nach Essen und es kommt mir wie eine gefühlte Ewigkeit vor, bis wir unseren Tisch erreichen.

Bist du das

Ich kann gar nicht mehr so genau beschreiben, was in diesen ersten Minuten in absoluter Dunkelheit mit mir passierte. Es war ein leichtes Beklemmungsgefühl, ein wenig Hilflosigkeit, aber auch Neugier und Abenteuerlust erwachen in mir. Ich schaffe es nicht einmal, meinen eigenen Sitzplatz zu finden, und bin dankbar, als unsere Bedienung mir hilft. „Kann ich Ihnen was zu trinken bringen ?“ Wir bestellen ein Wasser und eine Cola und plötzlich ist sie weg. „Bist du das ?“ Ich fahre mit meinen Händen auf dem Tisch zur gegenüberliegenden Seite. Aber wo ist eigentlich gegenüberliegend ? Und sitzt dort auch wirklich Jens? „Alles in Ordnung, ich sitze dir gegenüber!“ kommt dann eine bekannte und vertrauliche Stimme aus dem Nichts und eine Hand berührt die meine. Meine Sinne schärfen sich, und ich höre Sachen, die ich eigentlich nicht hören möchte ;). Da redet am Nachbartisch doch tatsächlich eine Frau über ihre Libido! Und ich entdecke ein winzig kleines rotes Klimaanlagenlicht, was ich sonst wohl nie so mitbekommen hätte.

Unsere Getränke kommen und auch hier wird uns geholfen. Ich bin stolz wie Oskar, das ich mit dem Glas meinen Mund treffe und werde ein wenig selbstbewusster. Bei der Suppe, dem ersten Gang, bin ich dann schon etwas wagemutiger und bitte die Dame, mich doch mal selbst versuchen zu lassen. Also lässt sie uns allein und ich finde auch schnell den Teller mit der nicht mehr mit der Suppe vor mir. Doch bitte wo ist nun der Löffel ? Eine gefühlte Ewigkeit taste ich nach selbigen, und finde ihn, schon halb im Segelflug zum Boden, an der Tischkante.

Wo ist mein Löffel

Die Suppe ist recht lecker – zwar bleibt das erwartete „Geschmackssehen“ aus – aber führt mich anschließend zu einem neuen Problem. Die Blase drückt. Mist. Als wir das nächste mal an unserem Tisch Besuch bekommen, versuche ich so leise wie möglich mein Anliegen an unsere Bedienung weiterzugeben. Wobei – eigentlich kann es mir egal sein, schließlich sehe ich die Leute um mich herum eh nie wieder ;)

So nimmt mich die Kellnerin an die Hand und zurück gehts in die Schleuse, die Toiletten befinden sich im beleuchteten Teil des Restaurants. Mir fällt plötzlich auf, wie hell alles selbst in den Abendstunden ist. Schnell bin ich wieder im Dunkelrestaurant zurück, diesmal fühle ich mich sicherer und hab im Gespür wo unser Platz ist. Als der zweite Gang kommt, finde ich auch auf Anhieb das Besteck, dafür kommt von der anderen Seite des Tisches die Frage…

Was ist das

„Sag mal ist der Teller mehrstöckig?“ Ich fahre mit meiner Hand über meinen Teller und ganz nichts feststellen. „Nö!“ behaupte ich und bitte Jens, doch auch mal schnell um seinen Teller herumzufahren. Wie sich herausstellt. hatte sich nur eine Gabel unter dem Teller verfangen – so schnell lässt man sich von solchen Kleinigkeiten beeinflussen. Ich schmecke Erbsen, Fleisch und Polenta, mit einer etwas zu salzigen Sauce. Oder ist sie eigentlich gar nicht zu salzig und ich hatte nur das Gefühl das sie es wäre. Ich jedenfalls merke, wie gut man zu mindestens beim Essen auf das Augenlicht verzichten kann – und so bin ich auch beim anschließenden Dessert (eine rote Grütze) sehr souverän.

Als wir wieder zurück ins „Helle“ kommen, entdecke ich auch, warum man uns auch einen „Speiseschutz“ (auch Lätzchen genannt) angeboten hat. Denn während wir uns nicht bekleckert haben, gab es einige Gäste, denen man am Latz ablesen konnte, was so alles auf ihrer Speisekarte stand.

Hatte ich mir vor diesem Event nie Gedanken darüber gemacht, wie der Alltag eines Blinden aussieht, hat mir dieses Event die Herausforderung etwas näher gebracht. Ich habe Barrieren gefunden, die ich als sehender Mensch überhaupt nicht beachtet hätte. Ich war auf Hilfe angewiesen – eine Tatsache, die man ansonsten außer Acht lässt.

Wenn ihr so ein Event auch einmal ausprobieren wollt:

Wichtige HinweiseMehr dazu im Internet
  • Die Events gibt mittlerweile in zahlreichen Städten und in zahlreichen Formen (Dinner in the Dark, Dunkelrestaurant, Dinner in the Box, Blind Date) – am besten einfach mal googlen
  • Für das Event sollte man sich mindestens 2 Stunden Zeit nehmen. Am besten in den Abendstunden (angenehmer für die Augen im Nachhinein)
  • zieht euch nicht unbedingt die besten Sachen an, da auch mal was daneben gehen kann
  • Reserviert vorher und gebt am besten schon bekannt, welches Menü ihr haben wollt
  • In Köln kommt ihr am besten mit der Bahn zur Unsichtbar
  • Allergien bitte auch vorab durchgeben, dann kann der Koch dies bei eurem Menü berücksichtigen.
  • Das Event ist nichts für Menschen mit Angstzuständen
  • Kinder dürfen so etwas ab 10 Jahre mitmachen

Über den Autoren

Janett

Hallo, ich bin die Gründerin des Blogs Teilzeitreisender.de
Schon immer war ich ein sehr großer Fan von Kurzreisen. Ich liebe kreative und verrückte Reisen, stehe auch auf Motorsport und Roadtrips. Als Experte in "Günstig in den Urlaub" kann ich sicherlich auch Tipps für eure nächste Reise geben!

4 Kommentare

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  • Das ist ein super Beitrag. Freunde von mir waren vor einiger Zeit im Dunkelrestaurant in Berlin und sind absolut begeistert. Meine bessere Hälfte ist noch nicht so begeistert von der Idee, aber ich würde es ja auch gerne mal ausprobieren. :)
    Lg aus dem Passeiertal

  • Ich habe vor einem Jahr meiner Mama einen Besuch in einem solchen Dunkel-Restaurant geschenkt – in der Schweiz heißen sie „Blinde Kuh“. Ich fand die Erfahrung in der kompletten Dunkelheit zu essen, sehr spannend. Auch wir nahmen ein Überraschungsmenü und rätselten den ganzen Abend darüber, was wir gerade essen.
    Bei der Vorspeise benützten wir noch brav unser Besteck. Beim Hauptgang kamen dann aber vermehrt die Hände zum Einsatz, da es Fleisch am Knochen gab (wenn ich mich richtig erinnern kann, war es Perlhuhn) und dies überforderte uns ohne Licht.
    Alles in allem war es sehr interessant und vorallem auch lecker. Und ich würde diese Erfahrung jederzeit wiederholen.

  • Ja, dieser Beitrag passt hervorragend zum Thema! Für mich ist dieses ausführliche Feedback auch deshalb interessant, weil ich eher die andere Seite kenne. Ich selbst sehe nichts und habe mal in München bei einem „Dinner in the Dark“ bedient, also die Gäste in einen abgedunkelten Raum geführt, sie zum Platz gebracht und ihnen das Essen und Getränke serviert. Erstaunlich, dass das Restaurant doch so voll war. Wenn ich Zeit dazu hatte – denn für uns war es ja vor allem Arbeit:-) – fand ich es interessant zu beobachten, mit welcher unterschiedlichen Sicherheit sich die einzelnen Teilnehmer in ihrer neuen Situation zu recht fanden. Solche Dunkelevents bieten eine gute Möglichkeit, mal die Rollen Blinder und Sehender zu tauschen, um sich besser hineinversetzen zu können.

  • Ich war vor ein paar Jahren im Dunkelrestaurant in Berlin und habe ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Vor allem waren wir aber sehr überrascht, als wir feststellen mussten, dass wir 5 Stunden im Restaurant verbracht hatten. Gefühlt waren es nur 2 ;-) Unsere Zeitgefühl hatte sich komplett verschoben…

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