Die Passionsspiele in Erl

Durch das Inntal bis hoch zum Brennerpass führt eine der niedrigsten Passagen über das Alpenmassiv. Das weite Tal, in dessen Grund der grüne Inn fließt, bildet damit schon immer eine Einfallschneise für all diejenigen, die möglichst bequem von Nord nach Süd reisen wollten. Hier zogen einst die Vandalen entlang, Kaiser Karl IV kam auf seinem Weg nach Canossa durchs Tal, selbst die heutigen Touristen nutzen die Route, wenn sie auf dem Weg zur Adria sind. Waren früher Pelze, Honig und Wolle nach Süden unterwegs, brachten die Händler Wein, Salz, Tuche und Getreide hoch in den Norden. Florierte der Handel, hatten die Menschen ihr Auskommen und es ging ihnen gut.

Krankheiten auf Reisen

Manchmal jedoch reisten nicht nur Waren auf Wagen und Karren, sondern auch Viren als unerkannte Konterbande im Gepäck oder den Körpern der Reisenden und Händler. Kam jemand mit ihnen in Berührung, erkrankte er an Pest, Pocken und anderen für die damalige Zeit oft tödlichen Krankheiten. Da damals weder Viren noch ihre Verbreitungswege bekannt waren, hielten die Menschen die damit verbundenen Krankheiten für eine Strafe Gottes. Manche ergaben sich in ihr Schicksal, andere versuchten, den zürnenden Gott mit Messen, Bittgängen oder Bußen zu besänftigen.

So auch die Menschen in Erl.

So auch die Menschen in Erl. Das kleine kufsteinische Dorf liegt an einer der Hauptreiserouten, die bis heute am Inn entlang führen. An drei Seiten ist es von Bayern umgeben und befindet sich damit in einer oft heftig umkämpften Grenzregion. Ob der Pfarrer von Erl vor vielen hundert Jahren Bauern und Schiffer zum Passionsspiel ermunterte, oder diese aus eigenem Antrieb mit dem Spiel begannen, ist nicht überliefert. Die offizielle Geschichte der Erler Passionsspiele beginnt 1613, als die Spiele in diesem Jahr zum ersten Mal erwähnt werden.
Obwohl heute die Schrecken von Pest und Krieg gebannt scheinen, immer weniger Menschen an einen zürnenden oder gütigen Gott glauben und es eigentlich keine Notwendigkeit mehr für derartige Passionsspiele gibt, lassen die Erler nicht nach. Alle sechs Jahre bringen sie ihre Spiele auf die eigens dafür errichtete Bühne. Die Geschichte als solche ist bekannt, ebenso wie ihr Ausgang. Da gibt es kaum Überraschungen, sollte man meinen. Weit gefehlt. Sicher, auch die 2013 erstmals aufgeführte Textversion von Felix Mitterer zitiert Bibelworte wortwörtlich, geht jedoch darüber hinaus, passt sich sozusagen an die Bedürfnisse der Gegenwart an. Schließlich ist es bei den Erlern bereits Tradition, Neuerungen in Tiroler Althergebrachtes einzubringen.

Die Geschichte des Passionsspielhauses in Erl

Das gilt beispielsweise für das Passionsspielhaus, das zwischen 1956 und 1959 errichtet wurde, eine Münchner Zeitung titelte damals von einer »großen Passion im kleinen Dorf«. Allein der Zuschauerraum fasst mit seinen 1500 Plätzen mehr Gäste, als Erl mit seinen 1450 Einwohnern überhaupt vorweisen kann. Zudem stehen von den Einwohnern zur Passionsspielzeit rund ein Drittel auf den Brettern der Bühne. Weil 1933 das alte Passionsspielhaus abgebrannt und unter den Nationalsozialisten die Spiele selbst verboten worden waren, war der Neubau damals notwendig geworden. Das erstaunliche daran ist, dass zwischen dem Brand und der Einweihung des neuen Hauses, ganze 26 Jahre lagen, eine gute Generation. Für die meisten Vereine hätte eine solch lange Pause wohl eher das endgültige Aus bedeutet, nicht jedoch für die Erler.

Alle sechs Jahre.

Immer dann, wenn die Vollversammlung des Passionsspielvereins das beschließt, werden die Passionsspiele aufs Neue aufgeführt, in der Regel alle sechs Jahre. Fällt also in dieser Sitzung der Startschuss zu den nächsten Passionsspielen, wird jeder Erler gefragt, gleich ob Baby oder Greis: „Willst du mitspielen?“ Anschließend verteilt der Regisseur die einzelnen Rollen, schließlich ist die Aufführung kein Wunschkonzert. Wer sich fürs Mitspielen entscheidet, braucht übrigens fast ein Jahr keinen Friseur mehr. In der gesamten Probe- und Spielzeit geht es weder Bart noch Haaren an den Kragen.

Im November beginnen die Proben, zu einer Zeit, in der es im ungeheizten Passionsspielhaus noch brutal kalt sein kann. Glücklicherweise lässt sich wenigstens der Proberaum heizen. Da jedoch in diesem Jahr auf einer schräg aufgebauten Bühne gespielt wird, mussten die Mitspieler schon früh auf diese wechseln und probten in Skikleidung die Szenen.

Mitten im Geschehen!

Die Zuschauer haben freie Sicht auf die gesamte Bühne, ebenso auf den hölzernen Schnürboden. Eine ursprünglich geplante Betondecke wurde nie eingebaut. Das großzügige Sichtfeld rahmt das Spielfeld und bietet von allen Plätzen einen durch nichts gehinderten Blick. Wer hier zuschaut, ist mitten im Geschehen. Wie Regisseur Markus Plattner den Text von Felix Mitterer und die Musik von Wolfram Wagner in der Inszenierung verbindet, tut ein übriges und bezieht bewusst Zuschauer mit ein. Zum Abendmahl senken sich die großen Ringe von der Decke: Innen teilt Jesus die Eucharistie aus, zunächst an die im nächsten Kreis stehenden Jüngerinnen und Jünger. Ja, auch Frauen werden genannt, explizit Maria Magdalena, die als »Apostelin der Apostel« ebenso einen Sendungsauftrag erhält, wie die anderen, die Männer. Dann stehen Darsteller in moderner Kleidung auf, die bisher unerkannt im Publikum saßen, sie gehen auf die Bühne, reihen sich ein, werden ebenso einbezogen und gesandt, wie die eigentlichen Jünger.

Dass die Erler keine gelernten Schauspieler, sondern Laiendarsteller sind, ist im Stück nicht zu spüren, ihr Enthusiasmus, ihre Lebensfreude und vor allem ihre Hingabe jedoch sehr. Das großartige Licht und die an die kahle Bühnenwand projizierten Bilder, wie das allwissende Auge oder die das Auf und Ab der Börsenkurse nachahmenden grün gezackten Linien, verstärken die Stimmungen. Das gleiche gilt für die akzentuierte Musik und den präzisen Einsatz von Chor und Orchester

Jesus steht im Mittelpunkt.

Jesus steht im Mittelpunkt. Das gilt vom Einzug in Jerusalem – mit echtem Esel – bis zur Kreuzigung. Er verkündet seine Botschaft klar und ahnt voraus, was in späterer Zeit daraus gemacht wird. Trotzdem bleibt er Spielball zwischen den Mächten, bis er schließlich direkt vor den Zuschauern am Rand der Bühne gekreuzigt wird. Die eindrucksvolle Schlussszene geschieht mitten im Raum: Jesus steht am Bühnenrand und alle Zuschauer erheben sich zu den Klängen von »Großer Gott, wir loben dich«. Damit bekommt das Leiden Jesu einen Sinn, der weit in die heutige Zeit hinausweist, einer Zeit, die oft meint, ohne einen Gott oder eine verbindende Idee auszukommen.
Das ist Gänsehaut pur.

Bis zum 5. Oktober finden die Passionsspiele in Erl statt.

Weitere Infos
  • Wer sie bis dahin nicht besuchen kann, muss leider sechs Jahre warten. Dann werden sie wieder aufgeführt.
  • Ist übrigens die letzte Vorstellung gespielt, die sogenannte Derniere, werden die Bärte und Haare der Männer wieder gekürzt.
  • Tickets und weiterer Infos bekommt ihr über die Homepage der Passionsspiele.

Offenlegung: Vielen Dank für die Einladung zum Besuch der Passionsspiele vom Tourismusverband Kufsteinerland.

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Sylvia

Gastautorin Sylvia Hubele schreibt, lebt und wandert in Franken und ist manchmal auch anderswo unterwegs. Sie ist Journalistin und textet oft für Webseiten und Blogs. Sie liebt es, gute Dinge zu kochen und lässt sich dabei durchaus von ihren beiden Katzen in die Töpfe schauen.

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