Bayern

Ein Wochenende im Bayerischen Wald

Ein Ort, an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, ist ein guter Platz. Wer mag, kann hier aus der hektischen Betriebsamkeit des Alltags aussteigen. Der Bayerische Wald ist ein solcher Ort: Wer auf der A3 in Richtung Osten unterwegs ist, wird bereits während der Fahrt auf ein ruhiges Wochenende eingestimmt. Rechts verspricht die Autobahnschilderpoesie ein „Erlebnis Natur“, links grüßt die Walhalla vom Ufer der Donau.

Von der Autobahn doch ein paar Kilometer weg.

Veranstalten Truckerfahrer zwischen Straubing und Deggendorf Elefantenrennen, schont der Urlauber Sprit und Nerven, wenn er geduldig dahinter bleibt. Es dauert nicht lange, bis sich die Berge des Bayerischen Waldes wie Riegel vor den Horizont schieben und vom nahenden Ziel künden.

Auf der Landstraße neben der Autobahn zockelten zwei Pferde mit blonden Mähnen und zogen einen Wagen, auf dem nicht nur blonde Mädels saßen. Alles wirkte so idyllisch, wie sich die Hochglanzmagazine das beschauliche Landleben vorstellen. Wir hatten eine Unterkunft in Hohenau, eine hohe Au auf einer runden Kuppe. Aus dem Wiesengrün spitzt der Kirchturm, vor diesem reckt sich der Maibaum in die Höh. Die Mitte des Ortes ist einfach der Dorfplatz.

Figuren in Freyung

Den ersehnten Kaffee fanden wir im nahegelegenen Freyung.

Das rhythmische Bollern der Traktoren und der singende bayerische Dialekt bilden hier eine harmonische Allianz. Am Nachbartisch plauschten zwei Frauen über eine abwesende dritte, die:

„etz in Minga is, bei der Bollezei arbeitet und nebenher Betriebswirtschaft studiert“

„Jo mei, wenn’s des schafft“

Ein Gruß am Eingang vom Keltendorf

Beim gemächlichen Fahren berauf und bergab lotste uns ein Schild zum Keltendorf nahe Ringelai. Wie an vielen anderen Orten in Bayern wohnten hier einst die Kelten, hinterließen jedoch nur wenige Spuren. Es sieht so aus, als hätten alle irgendwann ihre Siebensachen gepackt und zogen fort. „Keiner weiß, wohin“, erklärte mir einmal ein Archäologe.

Da die Hütten der Kelten auf hölzernen Pfosten standen, dauerte es nicht lange, bis sie in sich zusammenfielen. Dunkle Schatten zeigen bis heute im Boden, wo die Pfosten einst standen. Wird dort ausgegraben, findet sich wenig, mal ein Spinnwirtel, eine Tonscherbe, ein kleiner Knopf. Weil aber nicht jedem Grundbesitzer die Grabungen der Archäologen gefallen, betonieren sie manchmal fix drüber.

Im Keltendorf Gabreta wurden die Häuser nach archäologischen Befunden rekonstruiert. Sie stammen aus unterschiedlichen Zeiten der keltischen Kultur und wirken lebensecht, vielleicht auch, weil sich Ziegen und Schafe ein fröhliches Stelldichein im Frühlingsgrün geben. Es wirkt, als seien die Bewohner nur kurz ausgegangen, vielleicht zu den Nachbarn, um sich dort ein Ei zu borgen und kehren gleich zurück.

Am nächsten Morgen fahren wir nach Ringelai.

Dort beginnt die Buchberger Leite, eine Klamm, durch die sich die Wolfssteiner Ohe wildwüchsig und urig zwängt. Der recht bequeme Wanderweg führt längs. An der Hängebrücke – die sich auch auf dem Foto entdecken lässt – lädt eine Bank zur Rast.

Auch wenn bereits ein Wanderer dort sitzt, bleibt genügend Platz und es entspann sich bald ein kleines Schwätzchen.

 

Von hier stammend, erzählte er, dass Hochwasser bis dicht unter die Hängebrücke reichen kann. Die Kajakfahrer kämen auch erst, wenn mehr Wasser die Ohe hinabfließt. Aber sonst? Wer hier Abitur hat, ist weg, sagte er, und auch, dass er selbst längst in München wohnt.

Der Lusen, einer der Gipfel des Bayerischen Waldes, liegt Hohenau am nächsten.

Noch unter dem Gipfel ist Waldhäuser, der Berggasthof bot Glosafleisch: „Das ist Geschnetzeltes aus der Tradition der Glasmacher“, erklärte die Wirtin.

Die Glasarche auf dem Weg zum Lusen

Weil das Mittagessen im Männerbauch die Beine schwer werden ließ, schwand die Lust des Mitwanderers auf den Gipfelsturm. Wir schlenderten also erst eine gemächliche Runde durch den Skulpturenpark, bevor wir den Wald querten und über Stufen, Steine und einen Holzpfad die Glasarche erreichten.

Wagen wir den Aufstieg oder kehren wir lieber um? Noch war beides möglich – ganz nach gefühlter Kondition. Da allerdings die Wanderung bis zur Glasarche nur eine Stunde gedauert hat, wagten wir auch den Rest.

Das Gipfelkreuz kam recht früh in Sicht und zeigte: Ab hier ist es nicht mehr weit. Doch bis dahin geht es direkt und gerade nach oben, ohne Kurven oder Umweg. Jetzt hätte ich gerne schlappgemacht, schließlich waren nur steile Stufen in Sicht und weder Lift noch Kaffee in Aussicht. Ich konzentrierte mich auf die Stufen, stieg eine nach der anderen hinauf. Erst bis zur Baumgrenze, dann über die mit grüngelber Schwefelflechte überzogenen Steine des Blockmeeres, schließlich bis hoch zum Kreuz.

Für ein Beweisfoto vom Gipfel blieb kurz Zeit, dann ging es nach links und in Serpentinen auf einem Schotterweg abwärts. Das Lusenschutzhaus war leider geschlossen.

Am nächsten Morgen tauchten die tiefhängenden Wolken Kirchturmspitze und Maibaum von Hohenau in Nebel. Doch nach einer Weile erbarmte sich die Sonne und guckte freundlich durch die Wolken. Wir ließen uns treiben, fuhren kleine Straßen durch kleine Dörfer, Ortschaften schmiegten sich an Hänge, viele Höfe standen einzeln. Alte Traktoren tuckern auf der Gegenfahrbahn geruhsam nach irgendwo.

Zwischen dunklem Tannengrün leuchten hellgelbe Buchenblätter.

In den Vorgärten zeigten berauschende Farborgien, dass der Frühling im Überschwang alles gibt und damit das Grau und Braun des Winters besiegen will: Magnolien, Forsythien, Tulpen und hellgrüne Birken strahlten um die Wette. Nur vereinzelt sind hier neumodische Häuser mit Pultdächern und großen Wandflächen zu sehen, so wie sie in vielen Orten zwischen Nordsee und Alpen neuerdings gebaut werden.

Liebe Leute, überlegt es euch zweimal: Bis jetzt sind eure Orte noch schön und geruhsam. Die modernen Häuser dagegen werden in ein paar Jahren so hässlich wirken, wie in den siebziger Jahren die Bungalows mit ihren Fassaden aus Waschbeton.

Im Tittlinger Museumsdorf war noch einmal Gelegenheit, die Moderne mit ihren Zumutungen völlig zu vergessen: Häuser aus längst vergangenen Zeiten ließen ahnen, wie das Leben früher war. Damals wohnten die Tiere mit unter dem Dach und im Winter war die Küche der einzig warme Raum. Musste die Kuh gemolken und gefüttert werden, brauchte bei Eis und Schnee niemand das Haus zu verlassen.

Oft wohnten mehrere Generationen unter einem Dach und an die zehn Kinder waren sicherer Garant dafür, dass es bestimmt weder ruhig noch erholsam war. Nach zahlreichen Pestsäulen, kleinen Kapellen, der Schusterei, der Post und vielen Wohnhäusern kehrten wir hungrig ins Mühlhiasl ein, gleich nebenan. Da ich mich an diesem Wochenende ein bisschen in den Bayerischen Wald verliebt habe, werde ich bestimmt einmal wiederkommen. Er ist ja nicht weit.

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Über den Blogger

Sylvia

Gastautorin Sylvia Hubele schreibt, lebt und wandert in Franken und ist manchmal auch anderswo unterwegs. Sie ist Journalistin und textet oft für Webseiten und Blogs. Sie liebt es, gute Dinge zu kochen und lässt sich dabei durchaus von ihren beiden Katzen in die Töpfe schauen.