Zeitreise mal anders: Der Mittelaltermarkt auf Burg Rabenstein

Zeitreise mal anders: Der Mittelaltermarkt auf Burg Rabenstein

Mittelaltermärkte – Von der Nische zur Massenveranstaltung

Wenn Mel Gibson im Film Braveheart oder Russell Crowe in Gladiator das Schwert aus der Scheide zieht, dann macht es laut RATSCH. Doch das ist keine gute Idee, denn dadurch wird das Schwert stumpf.

Zeitreise mal anders: Der Mittelaltermarkt auf Burg Rabenstein

Außerdem ist es gar nicht möglich, das Schwert aus der Scheide am Rücken rauszuziehen, weil es dafür viel zu lang ist. Das geht nur im Film, weil das toll aussieht. Die „richtigen“ Ritter trugen das Schwert in einer Scheide, die mit Fell ausgekleidet war an der Seite oder hielten es wie ein Baby im Arm.

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Mittelalter ist nicht gleich Mittelalter

Woher ich das weiß? Ich habe einen Mittelaltermarkt besucht auf der Burg Rabenstein, 25 Kilometer südlich von Bayreuth. Hier campen in Zelten aus Leinen zweimal im Jahr etwa 400 Menschen, die sich für das Mittelalter begeistern. Kleidung, Essen, Bettgestelle sind alle so originalgetreu wie möglich. Für Laien wie mich sehen beispielsweise die handgenähten Lederschuhe oder die Obergewänder alle gleich aus. Doch die Kenner sehen sofort, ob das so genäht wurde wie im frühen Mittelalter (500 bis 1000 nach Christus), Hochmittelalter (bis 1250) oder Spätmittelalter bis 1500) und ob die Frau eine Magd oder eine Zofe ist.

Mittelaltermarkt auf Burg Rabenstein

Kein Müll, dafür tolle Stimmung

Zu jedem der Mittelaltermärkte auf der Burg Rabenstein pilgern rund 10.000 Besucher. Extrem auffällig: Trotz der vielen Menschen, die den Mittelaltermarkt besuchen, gibt es auf dem gesamten Gelände nur vier Mülleimer – und in denen ist kaum etwas drin. Und auf der frisch gemähten Wiese oberhalb der Burg liegen weder Müll, Pappbecher, noch Bierflaschen rum.

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Originalgetreue Details

Im Gespräch mit den Ausstellern (zwei Lehrern, einer Buchhalterin, zwei Handwerkern, einer Köchin und einer Rechtsanwältin) kristallisiert sich heraus, dass ihnen Achtsamkeit mit der Natur sehr wichtig ist. Und detailgetreue Kleider, wie sie zu der Epoche getragen wurden, die sie verkörpern. Sie gehen in Museen und Bibliotheken, um in alten Büchern nachzuforschen, was beispielsweise zum Färben von Schafswolle verwendet wurde.

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Waid für Blau, Färberkrapp für Rot, Holunder und Eiche für Braun- und Schwarz, Brennnessel und Spinat für Grün und Schildläuse für kräftige Rottöne. Die Wolle wurde oft mit Beizmitteln wie Alaun oder Eisenbeizen vorbehandelt, um die Farbaufnahme zu verbessern und die Farben haltbarer zu machen. Die genaue Farbpalette und Technik variierte je nach Region, verfügbaren Ressourcen und Handelswegen.

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Entspannte Atmosphäre, witzige Menschen

Die Gesprächsatmosphäre ist freundlich, höflich, witzig. Die Menschen wirken nicht so gestresst wie auf einer Kirmes. Der Geräuschpegel ist viel ruhiger, auch wenn die Mittelalterband Turas Math auf der Bühne Mikro und Verstärker für ihre Instrumente und den Gesang verwenden. Viele der Aussteller sind von Mai bis Oktober fast jedes Wochenende auf so einem Mittelaltermarkt, so wie andere Menschen zu Fußballspielen gehen.

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Mittelalterkleidung kostet viel Geld

Doch die Passion Mittelalter ist nicht billig. Die handgewebten Stoffe sind teuer, das Fell von Schaf und Kalb wird von Hand gegerbt. Deshalb blüht der Tauschhandel auf dem Gelände der Burg Rabenstein. Ich gebe Dir das und benötige jenes. Viele kennen sich seit Jahren.

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Viel Spaß und Bildung gratis

Handwerker spielen eine zentrale Rolle auf den Märkten: Schmiede, Töpfer und Bogner zeigen echte Techniken. Geduldig wird den Gästen erklärt und gezeigt, wie aus Wolle Garn gesponnen wird. Nebenan verkauft einer geräucherte Wildschwein-Salami und daneben wird orientalischer Kaffee ausgeschenkt. Das ganze Wochenende über gibt es Aufführungen, darunter Schwertkämpfe und Feuerspiele. Das Publikum ist begeistert und geht stundenlang von Stand zu Stand. Kinder lernen Bogenschießen, Filzen und das Schmieden von Nägeln. Statt mit dem Luftgewehr wie auf einer Kirmes werfen Gäste eine Streitaxt auf kleine Holzklötze. Die Gastronomie ist der größte Umsatzbringer: Met, Bratwurst und Fladenbrot machen den Großteil des Erlöses aus. Handgesiedete Seife, Lederarmbänder und kleine Accessoires gehen ebenfalls gut. 

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Boom seit 1978

Die Idee, vergangene Epochen nachzuspielen, kommt nicht aus dem Museum, sondern aus der Freizeitkultur der 1970er Jahre. Der erste dokumentierte Mittelaltermarkt in Deutschland fand 1978 in Köln statt – damals ein kleines Fest mit 200 Besuchern und ein paar Händlern. Sie nannten es „Historischer Markt“, um seriös zu wirken. 

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Tolkien sei Dank

Doch die Wurzeln reichen viel weiter zurück: Schon im 19. Jahrhundert verkleideten sich Bürger bei Schützenfesten als Ritter. Doch der große Boom kam erst mit der Fantasy-Welle, die Tolkien mit „Der Herr der Ringe“ auslöste. Er machte das Mittelalter popkulturell attraktiv. In den 1980er Jahren starteten erste private Märkte in Westdeutschland, oft auf Burgruinen oder in Stadtkernen. Der Markt in Bachritterburg bei Kanzach 1985 gilt als Pionier der Dauerveranstaltungen, die sich an den „Medieval Fayres“ seit den 1960ern in England orientierten. 

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Üppiges Angebot an Mittelaltermärkten

Dann stieg die Zahl der Mittelaltermärkte steil an. Inzwischen zählt der Deutsche Schaustellerbund über 1.200 Veranstaltungen pro Jahr, die sich als „mittelalterlich“ bezeichnen. Davon sind Schätzungen zufolge etwa 850 „echte“ Wochenendmärkte mit mindestens 20 Ständen und historischem Programm. Die restlichen 350 sind eher kleinere Dorffeste oder einmalige Events. Nordrhein-Westfalen führt mit rund 180 Märkten, gefolgt von Bayern mit 150 und Baden-Württemberg mit 120. 

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Burgen sind perfekte Kulissen

Ideale Kulisse für die Mittelaltermärkte sind natürlich Burgen wie die Rabenstein oder Städte, deren Kern von Kriegsbomben und brutalen Stadtplanern verschont wurden. So finden beispielsweise auf der Burgenstraße, einer Tourismusroute, die von Heidelberg bis Bayreuth quer durch Süddeutschland führt, in Rothenburg ob der Tauber seit 1987 die „Reichsstadt-Festtage“ statt und verdoppeln damit die Übernachtungszahlen. In Heilbronn lockt der Mittelaltermarkt rund um Pfingsten jedes Jahr Tausende Besucher an. Ebenso das Schwäbische Brunnenfest mit Mittelalterelementen in Schwäbisch Hall oder das Nürnberger Bardentreffen und das Mittelalter-Festival auf der Burg Abenberg.

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Mehr Besucher als Einwohner

Wie groß das Interesse an den Mittelaltermärkten ist, zeigt der Markt in Speyer. Er zieht jedes Pfingstwochenende 80.000 Menschen an – mehr als die Stadt Einwohner hat. Der Markt auf Burg Kriebstein in Sachsen begann 1995 mit 800 Besuchern und hat inzwischen 15.000 Besucher. Auch die Geschäftsführerin der Burg Rabenstein, Sabine Dess, bestätigt, dass die Zahl der Besucher kontinuierlich gestiegen ist in den vergangenen Jahren. Also: Nichts wie hin zu einem der Mittelaltermärkte.

Janett hat übrigens das Mittelalterspektakel “Sturm auf Zons” in NRW vorgestellt.

Mehr Infos zum Mittelaltermarkt auf Burg Rabenstein

Auf der Burg Rabenstein, in der man auch stilvoll übernachten kann, finden die nächsten Mittelaltermärkte vom 4. bis 7. Juni und vom 31. Juli bis 2. August 2026 statt: www.burg-rabenstein.de

Gut zu wissen!

Bundesweite Übersicht zu Mittelaltermärkten in Deutschland und den angrenzenden Ländern: www.mittelalterkalender.info. Eine gute Sammlung mit Kartenansicht und Infos zu Fantasy-Festivals bietet www.mittelalter-marktplatz.de



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Thomas Rentschler

Ausflugstipps für Rheinhessen. Seit rund 20 Jahren bin ich Wahlmainzer nach mehr als 20 Umzügen im In- und Ausland (Schweiz, Südkorea, Spanien). An meiner Wahlheimat gefällt mir, wie entspannt und gelassen die Menschen (in der Regel) sind. Liegt es am Wein? Dem hohen Freizeitwert in der Region? Vermutlich beides.

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