Lesbos, Mai 2014 - Bildrechte: Mario Schattschneider
Lesbos, Mai 2014 - Bildrechte: Mario Schattschneider

Blind unterwegs: Von Chancen und Barrieren beim Reisen

Ich selbst bin kurzsichtig. Ohne Brille kann ich unterwegs Gesichter nur schwammig erkennen und auch mit dem Autofahren ist es nicht so einfach. Ich liebe meine Brille – gibt sie mir doch die Lebensqualität – die Welt zu entdecken. Kaum vorstellbar für mich, meine Reisen und meinen Arbeitstag ohne Augenlicht zu bewerkstelligen. Und doch habe ich mir im Rahmen meines Barrierefrei-Monates ein paar Gedanken zum Thema gemacht. Wie reist eigentlich jemand, der kaum oder gar nichts sehen kann? Und wie kann man Dinge ohne Augenlicht erleb-bar machen ? Glücklicherweise meldete sich Anfang des Monats Aleksandar bei mir. Warum er zu diesem Thema recht viel zu berichten hat – erfahrt ihr… wenn ihr jetzt weiterlest!

Von Barrieren und Chancen – Blind auf Reisen

Der Themenschwerpunkt „grenzenlos“ erlaubt mir ausnahmsweise gleich eines vorwegzunehmen: Ich bin von Geburt an blind und komme im Alltag relativ selbstständig zurecht. Normalerweise arbeite ich das ganze Jahr über als Onlineredakteur für das Reiseunternehmen Holiday Extras. Unser Büro liegt in meinem Wohnort München, was mir die Orientierung ungemein erleichtert. Am Arbeitsplatz nutze ich einen Computer mit Sprachausgabe und einem sog. Brailledisplay, das mir die Bildschirminhalte in Blindenschrift übersetzt. Außerdem unterstützen mich die Kollegen im Großraumbüro, wo immer das nötig ist.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ich Texte zum Thema Urlaub schreibe. Aber wie sieht’s denn eigentlich aus, wenn ich mal selbst verreisen möchte? Angenommen, ich habe keinen sehenden Mitreisenden aus Familie oder Freundeskreis. Leider kann ich dann eben nicht spontan das nächstbeste Urlaubsangebot buchen und mich ohne weiteres alleine auf den Weg machen… Selbstverständlich verreise auch ich, nur muss ich halt möglichst viel im Vorfeld organisieren und meinen Urlaub spezieller ausrichten. Wie plane ich also? Was sind die Möglichkeiten und welche Hürden sind zu bewältigen? Lest darüber in den folgenden Abschnitten. Abschließend trage ich noch einige Tipps für blinde bzw. sehbehinderte Reisende und ihre sehenden Begleiter zusammen.

Barrierefreie Hotels oder Gruppenreisen

Wie jeder andere auch, google ich erst einmal. Wer auf reine Erholung mit ein wenig Programm und Gleichgesinnten aus ist, bucht eines der Aurahotels. Die Häuser werden vor allem von den Blindenverbänden der einzelnen Bundesländer getragen und sind quer durch die Republik von der Ostsee bis nach Bayern zu finden. Vor Ort ist man schnell mit den Gegebenheiten des Geländes vertraut und das geschulte Service-Personal ist hilfsbereit. Wer mit der Bahn reist, kann über das Hotel auch meistens einen Taxitransfer beauftragen. Entsprechende Unterkünfte gibt es auch im Ausland, z. B. in Spanien oder Italien. Sie zeichnen sich durch übersichtliche Räume, ein gutes Freizeitangebot und einen direkten Strandzugang aus.

Lesbos, Mai 2014 - Bildrechte: Mario Schattschneider
Lesbos, Mai 2014 – Bildrechte: Mario Schattschneider

Spätestens dann, wenn man viel rumgekommen ist und mehr erleben möchte, bedarf es anderer Angebote. Hierbei bleibt eine Reiseleitung bzw. sehende Begleitung unverzichtbar. Sehr positive Erfahrungen habe ich bei Gruppenreisen für Blinde und Sehbehinderte gemacht. Spezielle Reiseveranstalter stellen Begleitungen und gestalten ein Programm aus Wanderungen und anderen Sportaktivitäten wie Schwimmen und Klettern, Kultur und erholsamen Strandpausen. Da es mich immer ins Ausland zieht, war ich auf diese Art und Weise schon mehrfach in Italien, Griechenland und Portugal unterwegs. Wer wollte, konnte auf Wanderungen verschiedene Pflanzen berühren oder daran riechen. Mindestens eine Stadtführung oder ein Museumsbesuch durfte auch nie fehlen. Dabei kam es immer auf den Guide an, der genug verbalisierte und auch mal Gegenstände herumreichte. Kulinarisch kamen alle Teilnehmer voll auf ihre Kosten: Ob in der griechischen Taverne, am Olivenhain oder bei der Weinprobe am Gardasee. Das bunte Reiseprogramm spricht alle Sinne an.

Lesbos, Mai 2014 - Bildrechte: Mario Schattschneider
Lesbos, Mai 2014 – Bildrechte: Mario Schattschneider

Für den Einzelnen fallen diese Aufenthalte relativ teuer aus, da die Begleitung ja teils mitfinanziert wird. Den Preis dafür nehme ich gerne in Kauf, weil ich solche spannenden und zugleich erholsamen Touren alleine gar nicht erst machen könnte. Sowohl Teilnehmer als auch Guides kommen aus ganz Deutschland. Zugegeben: Etwas Mut und viel Aufgeschlossenheit gehört schon dazu, mit lauter Fremden zu verreisen. Aber das macht das Konzept gleichzeitig interessant. Wer sich darauf einlässt, lernt neue Leute und Sichtweisen kennen und kehrt vor allem auch zwischenmenschlich um eine Erfahrung reicher zurück.

Experiment Onlinebuchung

Oft sind es die scheinbaren Nebensachen, die am meisten Zeit kosten. Ticket-Reservierungen per Telefon, E-Mail oder in irgendwelchen Reisebüros sind kein Problem. Allerdings sind diese Wege etwas aus der Mode gekommen. Wenn’s geht, buche ich online oder über eine Smartphone APP.

Lesbos, Mai 2014 - Bildrechte: Mario Schattschneider
Lesbos, Mai 2014 – Bildrechte: Mario Schattschneider

Die gute Nachricht: Letztlich gelange ich online immer an mein Flugticket, die Bahnfahrkarte oder sonst jede Buchungsbestätigung.

Die schlechte: Es dauert schon ein bisschen, bis ich mich auf den Webseiten mit meinem Screenreader-Programm zurecht finde. Die Buchung ist lange nicht so schnell und einfach erledigt, wie das einem immer suggeriert wird. Da fehlt den Seitenbetreibern eine barrierefreie Standardprogrammierung und mir ehrlicherweise die Routine. Mobile Seiten bzw. Smartphone APPs kommen da oft übersichtlicher daher, als die Desktop Versionen. Ärgerlich ist es nur dann, wenn einzelne Informationen nicht vorgelesen werden.

Herausforderung Mobilität

Sobald ich Flug- oder Bahnticket habe, geht’s munter weiter. Dann nämlich kommen An- und Abreise an die Reihe. Allein fliegen oder Zugfahren ist generell kein Problem. Aber an Bahnhof bzw. Flughafen muss man sich erst einmal orientieren und zum Zug bzw. Flugzeug finden. Am Münchner Hauptbahnhof z.B. kenne ich mich einigermaßen aus und kann mich dort auch mal durchfragen. Schwieriger wird’s auf fremden Bahnhöfen bzw. am Flughafen.

Navi-APPs für’s Smartphone eignen sich, um gezielt eine Adresse aufzufinden und einen Grobüberblick über die Umgebung zu bekommen. Ein Flughafen- oder Bahnhofsgelände sind da zu spezifisch. Wer am Bahnhof Hilfe beim Ein- oder Umsteigen braucht, kann bei der Bahn den Mobilitätsservice buchen. Soll gut funktionieren, hab ich mir sagen lassen.

Beim Check-In und Check-Out unterstützt ein entsprechender Mobility Service am Flughafen. D.h. ein Mitarbeiter holt den Fluggast am Schalter der Fluggesellschaft ab und begleitet ihn bis zum Flugzeug. Nach der Landung wird man wiederum im Flugzeug abgeholt, zur Gepäckausgabe und dann zum Schalter der Fluggesellschaft gebracht. Etwas aufregend ist es schon, ob auch tatsächlich ein Mitarbeiter erscheint. Aber bei mir hat das immer zuverlässig geklappt. Schwierigkeiten hatte ich bisher nur mit den Fluggesellschaften selbst. Ausschließlich über diese kann ich den Mobility Service anfragen. Wenn die Mitarbeiter der Airline nicht wissen, dass sie dazu verpflichtet wären, ist das ein wenig anstrengend. Da habe ich mich dann schon oft ausnahmsweise an den Flughafenservice gewandt.

Nützliche Tipps zum Abschluss

Es muss gar nicht immer die große Reise sein. Warum nicht mal ein kurzer Städtetrip?

Letztes Jahr habe ich an einer barrierefreien Stadtführung in Würzburg teilgenommen. Ein speziell ausgebildeter Guide ging mit uns durch die Altstadt, erklärte viel zur Stadtgeschichte und unterwegs gab es tastbare Modelle von Gebäuden. So bekommt man eine ganz klare Vorstellung von den Umrissen.

Auf einem Ausflug nach Wien empfehle ich unbedingt das Haus der Musik. Dort offenbaren sich jegliche hörbaren Klangfassetten und man hat Gelegenheit, mal selbst zu dirigieren.

Was ihr beachten könnt, wenn ihr mit Blinden oder Sehgeschädigten verreist? Unverkrampft bleiben! Je entspannter, desto besser! Bietet Euren Arm an, macht auf Stufen etc. aufmerksam und beschreibt ein wenig die Umgebung. Alles Weitere findet sich im Gespräch.

 

Vielen Dank an Aleksandar für diesen tollen und informativen Beitrag !! Und Mario Schattschneider für die Verfügungstellung der Bilder !

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Gastblogger Teilzeitreisender

Eine Vielzahl von ausgesuchten Gastautoren hat für Teilzeitreisender.de geschrieben. Wer geschrieben habt erfahrt ihr in den jeweiligen Artikeln. Danke vor allen an Bianka, Ewa, Jana, Elena und Ulrike!

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