Niederlande Nordrhein Westfalen

An Grenzen gehen – eine Zeitreise an der Grenze zwischen Holland und Deutschland

Ich trete aus dem Hotel und höre die Vögel zwitschern. In der Ferne vernehme ich das Rauschen der Autobahn was immer leiser wird, je weiter ich in den Wald hineinlaufe. Mein Ausflug? Ein Spaziergang an der Deutsch – Niederländischen Grenze.

Eine Zeitreise mit Grenzgang

Mir fröstelt ein wenig. Wo ist der Sommer hin, der mich gestern auf dem Weg hierher auf dem Rad noch ins Schwitzen gebracht hat? Vielleicht liegt es auch an meiner ganz besonderen Zeitreise? Meine Nacht verbrachte ich in Holland – keine 20 Meter von der Grenze entfernt. Ein einfaches Hotel, eher für Durchreisende denn für Ausflügler konzipiert.

Durch ein Tor betrete ich deutschen Boden. In diesem Moment wird mir bewusst wie schön doch ein gemeinsames Europa ist. Durch ein einfaches Gatter in ein anderes Land reisen – das habe ich vorab noch nie gemacht.

Grenzgeschichten

Meine Reise geht jedoch etwas weiter in die Vergangenheit zurück. Die deutsch-niederländische Grenze wurde im zweiten Weltkrieg auf über 40 Kilometern als Schutzwall der Deutschen gegen die Feinde genutzt. Auch wenn es in Roermond nicht wirklich zu aktiven Kampfhandlungen gekommen ist, in den Wälder sind immer noch stille Zeitzeugen zu finden. Die Region wurde schon vor Jahren als Bodendenkmal ausgewiesen – und sind seit Mai 2018 als Wander- und Fahrradrouten „Grenzgeschichten“ aufbereitet.

Ich hatte die Wahl. Fahre ich auf einer der drei Radtouren rund 50 Kilometer durch die Lande oder versuche ich mich an der Wanderroute? Nur knapp 2 Stunden für 50 Kilometer fand ich zu knapp – die Entscheidung war also recht schnell zugunsten der Wandertour gefallen. Falls euch die Radtouren interessieren, so findet ihr mehr Infos unten in der Box.

7 Kilometer – 8 Stopps

Kommen wir aber zurück zur Wanderung. Die Strecke ist denkbar einfach und sehr gut ausgeschildert. Die meiste Zeit laufe ich auf Feldwegen. Allein – denn im Wald sind außer mir nur ein paar Vögel lautstark unterwegs. Fast ist es mir ein wenig unheimlich so allein als Frau durch Grenzwälder zu stampfen.

Und doch – schon an der ersten Infotafel werden ich neugierig und will mehr erfahren. Ich erfahre die Geschichte der 14 Männer (größtenteils aus Roermond), die sich am 26. Dezember 1944 der Arbeit an der Front wiedersetzten – und dafür von der deutschen Wehrmacht durch ein Exekutionskommando erschossen wurden. Ein Mahnmal direkt an einer Gabelung unweit der Grenze erinnert an die Begebenheiten dieser Nacht.

Ich befinde mich in einem Naturschutzgebiet. Diesem Umstand haben es wohl auch die „Zeitzeugen“ zu verdanken, dass sie noch so gut erhalten sind. Abseits der Wege laufen? Ist hier strengstens verboten. Nicht wegen alter Munition oder Metallteilen – nein, der Elmpterwald ist als Bodendenkmal geschützt. Ich laufe weiter in den Wald hinein und bin dankbar für die zahlreichen und noch gut erkennbaren Schilder der Grenzgeschichten.

Die „Halte-Punkte“ kann ich nicht übersehen.

Infotafeln erläutern, was ich nicht in meinem kleinen Wanderguide nachlesen kann. Und so stehe ich hier – mitten im Wald – und mir schauert es bei den Gedanken, das im Winter 1944 hier etwa 7000 Zwangsarbeiter (überwiegend Frauen) mit teilweise einfachen Schaufeln tiefe Furchen in den Wald graben mussten. Die Panzer und Schützengräben sind selbst heute – gut 70 Jahre später – noch sehr gut zu erkennen.

Einmal muss ich die Autobahn 52 überqueren und werde in die „Wirklichkeit“ zurückgeschleudert. Ein paar Zollbeamte beobachten vom Seitenstreifen das Geschehen und alles wirkt so friedlich. Ich denk an die Menschen, die hier arbeiten mussten. Welch eine Angst muss damals hier in den Wäldern geherrscht haben?

Ein Schießstand

Welche Schicksale müssen sich hier abgespielt haben?

Einige Geschichten erfahre ich auf den Infotafeln. Und mir ist mit jedem Schritt klar – diese Wanderung ist nicht leicht. Sie spült mich in der Geschichte zurück. Sie macht mir bewusst, was damals passiert ist und sie lässt mich innehalten. Sowas? Nie wieder!

Wildschweine?

Auf einem kurzen Wanderstück werde ich quer durch den Wald geführt. Eine Matschgrube deutet darauf hin, dass es sich Wildschweine hier haben gut gehen lassen. Als es im Geäst knackst, werde ich schneller. Mit einer Sau will ich es heute nicht aufnehmen.

Ich werde schneller wieder aus dem Elmpter Wald ausgespuckt als mir lieb ist. Fast bin ich versucht, mich auf dem Rad noch auf die Suche nach anderen Grenzgeschichten zu machen. Doch viel Zeit habe ich nicht – denn in Roermond habe ich am Nachmittag noch ein Date.

Vor der Sau in Sicherheit.

So mache ich mich zurück zum Hotel, wo mein Rad auf mich wartet und radele mit Gegenwind und Nieselregen zurück ins Zentrum.

Zeitreise in der Munsterkerk

Ich bin verabredet in der Munsterkerk. Eine Führung lässt mich noch weiter zurück reisen in der Zeit. Die Kirche hat ihren Ursprung im Jahr 1218. Geldern war lange Zeit unabhängig – die Geschichte des „Hin und Her“ im Laufe der Jahre wird in einem kurzen Film in der Kirche anschaulich erklärt.

Auch – warum die ursprüngliche „Grabeskirche“ im Endeffekt nur dem Stifter seine letzte Ruhestätte geboten hat, was es sonst noch für Geheimnisse rund um die Kirche gibt und warum die Kirche auch gut mit so einigen Kunstmuseen mithalten kann erfahre ich im Rahmen einer Führung, die ich jedem ans Herz legen kann, der in Roermond nicht nur shoppen gehen will.

Roermond – mehr als nur Shopping

Klar – auch ich habe der Versuchung in der Stadt nicht wiederstehen können. Und doch – wieder einmal hat sich gezeigt, dass Roermond mehr zu bieten hat als ein Outlet.

Ich muss an diesem Nachmittag zurück – zu Hause wartet noch viel Arbeit und Wäsche. Beim nächsten Roermond-Besuch will ich mir den Hafen vornehmen. Ihr wisst ja – Wasser und Brücken und ich…

Wichtige HinweiseAnreiseÜbernachtungsempfehlungWeitere Inspirationen
  • Die Wander- und Radkarten für die Tour bekommt ihr in der Touristeninformation Roermond, in Niederkrüchten, aber auch im Hotel Bosrijk. Die Karten sind in drei Sprachen (Niederländisch, Deutsch und Englisch). Die digitale Version könnt ihr euch hier anschauen.
  • Direkt hinter dem Hotel Bosrijk Roermond beginnen die Wander- und Radrundwege. Es können für 10 Euro (normales Rad) und 20 Euro (Elektrobike) pro Tag Fahrräder gemietet werden. Am Bahnhof von Roermond könnt ihr ebenfalls Räder leihen – für knapp 2 Tage kostet dies 17,50 €.
  • Unweit von Roermond befindet sich Kessel – ebenfalls einen Ausflug wert!
  • Zum Mahnmal und der Geschichte der 14 Opfer könnt ihr hier nachlesen.
  • Zur Geschichte der Munsterkerk könnt ihr hier nachlesen. Führungen könnt ihr über das VVV Roermond/Midden Limburg anfragen.
  • Mehr über die Grenzlandwochen
  • Hunger? Dann kann ich euch das Restaurant im Hotel ebenso gut empfehlen wie die leckeren Sandwiches in der Brasserie Verkoch gegenüber der Munsterkerk

Ich bin mit dem Rad 7 Kilometer zum Hotel geradelt, was auch sehr gut funktioniert hat. Deutlich praktischer ist jedoch die Anreise mit dem Auto über die A52. Vorm Hotel gibt es ausreichend Parkplätze

Ich habe im Fletcher Landhotel Bosrijk Roermond übernachtet. Das Hotel befindet sich unmittelbar an der Niederländisch – Deutschen Grenze und ist auch von der Autobahn sehr gut erreichbar. Die Zimmer sind einfach aber sauber, vor allem in den hinteren Zimmern hört man die Autobahn gar nicht mehr. Ich habe recht gut geschlafen, auch wenn ich vorab lüften musste, weil es ein klein wenig muffelig gerochen hat.

Eine Übernachtung gibt es schon ab 70 Euro.

Offenlegung: Ich wurde im Rahmen der Grenzlandwochen zu dieser Zeitreise eingeladen.

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Janett

Hallo, ich bin Janett, die Gründerin des Blogs Teilzeitreisender.de
Schon immer war ich ein sehr großer Fan von Kurzreisen. Neben einer Teilzeitstelle an der Uni Düsseldorf pflege und hege ich deshalb dieses Projekt - und habe dafür schon das eine oder andere Abenteuer erlebt. Mehr über mich erfahrt ihr unter der Rubrik "Persönliches"