Kanada

Eine Bootstour auf Vancouver Island – Von Bären, Walen und lustigen Seehunden

Es ist fünf Uhr morgens als mein Wecker erbarmungslos klingelt. Wer hat nochmal gesagt, das Urlaub entspannend ist? Ich habe nur gut 4 1/2 Stunden geschlafen und bin einfach nur fertig. Es klopft. „Wake Up, Breakfast in half an hour!!“ Das war es nun mit der Nachtruhe. Eine Dusche und einen Kaffee (etwas was ich sonst gar nicht trinke) später fühl ich mich wieder teilweise hergestellt.

Morgens um 6 auf Vancouver Island

Um 6 Uhr startet unsere Reise mit dem Auto. Von Port Hardy fahren wir zum 44 Kilometer entfernten Hafen von Port Mc Neill. Hätte mich der Kaffee nicht schon geweckt, die Tour mit dem Bus hätte mich garantiert wach bekommen. Schlaglöcher, schlechte Stoßdämpfer – irgendwie habe ich mir die „endlosen“ Weiten von Kanada anders vorgestellt. Dementsprechend war ich auch froh, kurze Zeit später aus dem Auto zu steigen.

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Dieser Morgen fängt für mich bescheiden an. Erst gibt mein Handy anscheinend der Kälte wegen den Geist auf, mir ist übel von der Busfahrt und dann muss ich auch noch ganz dringend aufs Klo (tja der Kaffee) und überhaupt möchte ich gerade jeden nur anschreien. Und gleich soll ich auf einem Boot 8 Leute ertragen? Knapp 8 Stunden lang? Bei Fissl-Wetter? No Way!

Hollywood im Norden von Vancouver Island

Und doch stehe ich wenige Minuten später vor „Hali´wud“ – unserem Boot. Und stelle erleichtert fest, dass ich in den nächsten Stunden meine Blase doch nicht beherrschen muss, denn unser Boot hat eine Toilette! Und ich entdecke, das für die Verbesserung meiner Laune Sandwiches und Obst an Bord sind. Und vor allem, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, während wir die nächsten Stunden quer durch die „Fjorde“ von Vancouver Island düsen.

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Wo geht’s eigentlich hin?

Ich habe keine Ahnung in welche Richtung wir fahren, selbst die Sonne, an der ich mich sonst gerne orientiere, ist irgendwie nicht zu sehen. Fast habe ich das Gefühl in einem Bus zu sitzen, der mit 10 Plätzen äußerst geräumig ist. Es regnet und irgendwie werde ich von dem Bootsgeschaukel wieder müde.

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Plötzlich wird das Boot langsamer. „Die Wale wachen langsam auf.“ wird uns berichtet. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, hatte ich doch gedacht, dass Wale an sich nicht solche Langschläfer sind. Wir stehen. Um uns herum ist Wasser und ich mit meinem ungeschulten Auge entdecke nichts, was auf einen Wal hinweist. Nur Landschaft. Und die ist hier wirklich unglaublich!

Einmal Luft rauslassen

Gut hundert Meter entfernt entdecke ich das erste Zeichen eines großen Meeressäugers. Ein „Blas“ (das ist die ausgeatmete Luft nach einem Tauchvorgang) kündigt einen Wal an. Wieder packt mich das gleiche Fieber wie damals an der Atlantikküste. Ein Gefühl, bei dem ich jedes Mal Mal emotional fast umgeworfen werde und welches mich jedes Mal so unglaublich klein wirken lässt. Es sind wohl mehrere Wale, die gerade um uns herumschwimmen. Nur wir sind absolut still – ständig mit Blick auf die sonst so ruhige Wasseroberfläche.

Der Blas eines Wales
Der Blas eines Wals

Noch sind die Meeressäuger etwas müde, außer ein paar wenigen „Atemübungen“ sehen wir sie hier kaum. Wir fahren ein wenig weiter und erfahren, dass die Hauptsaison zur Walbeobachtung im Frühjahr ist. „Dann passiert es auch schon mal, dass die Tiere übermütig werden!“. Tierbeobachtungen sind hier im Norden von Vancouver Island sicherlich einfacher, trotzdem bekommt man nicht alle zu sehen. Es sind wildlebende Tiere.

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Buckelwale in Sicht!

Ich habe Hunger. Gut, dass für Proviant gesorgt wurde. Ich schnapp mir ein Sandwich und fühle mich endlich wach. Plötzlich kommt Unruhe auf unserem Boot auf. Alle schnappen sich ihre Kameras und rennen nach draußen. Wieder „Blas“. Und diesmal sind die Buckelwale auch etwas wacher. So sehe ich in den darauffolgenden Minuten drei „Schwanzflossen“ und diverse Ansichten eine Walrückens. Ich muss euch nicht sagen, wie mich dieser Anblick gerührt hat, oder? Mein Sandwich war zumindest für ein paar wenige Minuten vergessen. Und auch das Fotografieren. Viel zu spannend ist der Anblick dieser großartigen Tiere – so spannend, dass ich zeitweise meine Kamera links liegen lasse. Und vorrangig „Schwanzflossen“ fotografiere.

Ein Besuch in der Lull Bay

Plötzlich ist es wieder ruhig. Die Wale sind auf „Tauchgang“. Der dauert bei Buckelwalen schon mal bis zu 20 Minuten. Wir ziehen weiter, denn der heutige Tag sollte noch mehr Naturerlebnisse bieten. Wir fahren zum Lull Bay, wo Mike, unser Guide, schon seit Jahren immer wieder auf Katherine trifft. Das ist nicht etwa seine Freundin, sondern der älteste bekannte Grizzlybär in der kleinen Bucht. An diesem Tag jedoch sitzt Katherine wohl noch im Unterholz oder schläft, was ich gut nachvollziehen kann, da es erst 9:00 Uhr ist.

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Endlich habe ich auch wieder meine Orientierung wieder, wir sind Richtung Südosten gefahren. Und nach Anblicken, die ich mir so auch gut in Norwegen vorstellen kann, wird es wieder ein wenig „waldiger“.

Eine Bärenfamilie!

Wir fahren zu einer weiteren Bucht, in der Mike ein paar Grizzlybären vermutet. Und tatsächlich treffen wir dort Bella und ein paar kleine Babybären. Wir ankern, denn auch die Bären haben es nicht eilig. Mike fragt mich, ob ich denn mit ans Bug des Schiffes kommen möchte. Ein wenig Respekt habe ich schon mich am Schiff entlang zu hangeln und doch klappt das auf Anhieb.

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Und so sitze ich da, die Beine entspannt ausgestreckt und beobachte Grizzlys dabei, wie sie auf der Suche nach Futter jeden Stein am Strand einzeln umdrehen. Mike erzählt mir, dass die Jungtiere aus diesem Jahr stammen und noch einige kritische Tage vor sich haben. Nur ein kleiner Teil der Jungbären überleben in der Wildnis ihre Jugend.

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Bella mit ihren Kindern

Das Boot schaukelt entspannt und auch mein Smartphone spielt wieder mit, wie sich die Laune innerhalb weniger Stunden doch ändern kann. Gut eine halbe Stunde nachdem wir ankern, kommen auch andere Boote, um die Entdeckung zu bestaunen. Die Bärenfamilie jedenfalls lässt sich davon nicht beeindrucken. Fast scheint es so, als spielen sie mit der Aufmerksamkeit.

Picknick auf dem Wasser

Selbstvergessen sitze ich noch immer am Bug, bis es hinter mir ans Fenster klopft. „Lunch!“ Und so mache ich mich auf dem Weg zurück in die Kabine um mein erstes Picknick auf einem See zu essen. Ich muss zugeben, dass ich mir das ganze früher einmal romantischer vorgestellt habe. Und ehrlich? Auf dieser Tour ist Essen wahrlich Nebensache. Viel zu spannend ist es, die Tiere zu beobachten und immer wieder Neues zu entdecken!

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Ein Besuch in einem verlassenen First-Nation-Dorf

Nach gut einer Stunde geht es für uns weiter. Unser nächster Stopp führt uns zu einem ganz besonderen Ort, einem „Vergessenen Ort“. Schon von weitem sehen wir ein verfallenes Haus, was auf einer Halbinsel darauf wartet, von der Natur übermannt zu werden. Der Strand ist voller Muscheln und altem Geäst, eine alte zusammengefallene Scheune lässt vermuten, das auch hier vor langer Zeit jemand gelebt haben muss.

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Mike schlägt uns vor, zu ankern und uns die alte Gemeinde, ehemals ein Wohnort für die Ureinwohner Kanadas, anzuschauen. Auch diesmal überwinde ich meine Scheu vor dem Sprung vom Bug und schaue mir kurz darauf besagten „Lost Place“ an. Unser Guide behauptet, dass hier seit über 40 Jahren kein Mensch mehr war und doch kann ich das so nicht glauben. Klar ist alles verwachsen und ich kann mir auch gut vorstellen, dass Bären das Gebiet lieben. Aber ich glaube Menschen sind von Natur aus neugierig und dieser Platz „auffindbar“.

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Über die Geschichte der Ureinwohner rund um Vancouver Island

Mike ist selbst ein Mitglied der Musgamakw Dzawada’enuxw First Nation und kann uns daher auch einiges über das Leben der Ureinwohner rund um Vancouver Island berichten. Besonders cool, auf seinem Twitteraccount: @seawolftours könnt ihr sogar die Sprache seiner Nation lernen. (und nebenbei gibt’s viele coole Bilder von entdeckten Tieren!).

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Wir erfahren, dass Mike in Kingcome Inlet im Great Bear Rainforest aufgewachsen ist, einen sehr entlegenen Ort. Die nächste Stadt war über 60 Seemeilen entfernt. Als Kind war dies für ihn eine spannende Erfahrung, die Erlebnisse und die Natur haben ihn bis heute geprägt. Unterwegs entdecken wir zahlreiche Zeichen, die auf „First Nations“ hinweisen. Zugegeben, hätte mich unser Guide nicht darauf hingewiesen, mir wäre das nie aufgefallen.

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Erkennt ihr das Schiff?

Noch ein Bär – der ist ja Schwarz!

Wir müssen langsam zurück und verlassen nach einiger Zeit die vergessene Insel. Weit kommen wir nicht, weil uns quasi um die Ecke ein kleines schwarzes Knäuel vor die Linse springt.
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Wir erfahren, dass der amerikanische Schwarzbär zwar fast genauso häufig in den Wäldern von Vancouver Island vertreten ist, die Tiere aber recht scheu sind. Umso unglaublicher ist es also, dass dieser kleine Bär sich von uns in aller Seelenruhe bestaunen lässt, bevor er in die Tiefen des Waldes entschwindet.

Tschüss Schwarzbär!
Tschüss Schwarzbär!

Über Funk erfahren wir, das von einem Kajak-Team einige Orcas gesichtet wurden. Natürlich wollen wir uns das nicht entgehen lassen. Unser Boot nimmt Geschwindigkeit auf und hüpft zeitweise über das Wasser. In einem Affentempo sind wir am angeblichen Fundort der Orcas – und fast bin ich ein wenig enttäuscht.

Wo sind denn nun die Orcas?

Knapp 5 Boote und sogar ein Kamerateam, Kajakfahrer, Menschen an Land, das fühlt sich für mich eher wie „Fleischbeschau“ an. Ich kann gut verstehen, dass die zwei Orcas, die wir sichten, nach einem kurzen „Blas“ schnell wieder untertauchen, so bleibt dieses Bild das einzige, was ich von diesen schönen Tieren gemacht habe.

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Im Nachhinein bin ich jedoch nicht traurig drum. Tiere in der Wildnis beobachten sollte keine Massenveranstaltung sein und so bin ich froh, als unser Schiff kurze Zeit später Richtung Port Mc Neill fährt. Einen kleinen Abstecher machen wir noch. Zu den Seehunden. Und auch wenn jetzt viele sagen, ja die kannst du doch überall sehen, so war die Gruppe der Seehunde doch tatsächlich die lustigste Tierbegegnung des Tages!

Grunzen, Rülpsen, Spaß haben – Besuch bei den Seehunden

Schon von weitem höre ich ein Grunzen und Rülpsen, ein Schnaufen und Diskutieren. Auch wenn unser Guide eher ein Fan von großen Tieren ist, so macht es mir Spaß, den Seehunden zuzuschauen. Das Gruppengefüge ist bei diesen Tieren sehr stark und ich entdecke sehr viele Ähnlichkeiten zum menschlichen Verhalten.

Machtgehabe auf der einen und Tratsch-Tanten auf der anderen Seite. Tiere die auf die „Kleinen“ aufpassen und Seehunde, die sich einfach nur auf die warmen Steine legen und das trockene Wetter genießen.

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Unser Boot scheint die Tiere neugierig zu machen. Einige wenige trauen sich sogar bis an „Hali´wud“ heranzuschwimmen und den Kopf herauszustecken, wohl auch, weil sie herausfinden wollen, wer wir so sind. Ich habe wilde Tiere selten so nah gesehen, umso erstaunter war ich, dass sich keines der Tiere an unserer Anwesenheit störte. Ich hatte hier nicht nur einmal ein Lächeln auf den Lippen. Tolle Tiere!

Der Herr der Lüfte – ganz nah!

Und doch schauen plötzlich alle nach oben. Was ist denn dort schon wieder? Auf einem Baum entdecke ich dann nur knapp 10 Meter von uns entfernt einen Adler. Wachsam schaut er sich um, wohl auch, um gleich auf Jagd zu gehen. Der Regen wird immer stärker. Noch einen letzten Blick zurück – schon düsen wir gen Heimathafen.

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Unglaublich, dieser Tag. Der Regen hat den Himmel mittlerweile in ein großes graues Band verwandelt. Welch ein Glück wir während unserer Tour mit dem Wetter hatten! Die Erlebnisse des Tages lassen mich jetzt müde werden. Vielleicht ist es aber auch die anbrechende Dunkelheit.

Im Eiltempo laufen wir am Hafen von Port Mc. Neill ins erstbeste Restaurant. In Gedanken bin ich immer noch auf dem Wasser. Und bei den Tieren. Ein Gähnen kann ich langsam nicht mehr unterdrücken und bin froh, das es anschließend wieder zurück in unsere Cottages geht.

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Wichtige HinweiseAnreiseÜbernachtungsempfehlungWeitere Inspirationen?
  • Touren wie diese sind vor allem in der Hauptsaison sehr schnell ausgebucht. Es ist zu empfehlen, diese vor dem Urlaub zu reservieren und möglichst eine Unterkunft in der Nähe zu reservieren.
  • Bei der Tour mit Hali´wud seid ihr vor kaltem, nassen und ungemütlichen Wetter geschützt, das Boot verfügt über 10 Sitzplätze und hat auch ein eigenes WC.
  • Die Tagestour zu Grizzlybären und Walen (10-12 Stunden) mit Mike kostet 450 Euro pro Person. Unterwegs werdet ihr gut versorgt und es wird auch auf Sonderwünsche eingegangen.
  • Ich empfehle euch für diese Tour eine regenfeste Jacke und ein paar festere Schuhe sowie eine Mütze. Wir waren Anfang September unterwegs und es war zeitweise schon recht frisch. Achso und Ersatzakku einpacken solltet ihr auch nicht vergessen!
  • Wir haben abends im Sportsman’s Steak & Pizza House in Port Mc. Neill gegessen. Das Essen war ganz okay, die Bedienung war jedoch etwas verpeilt.
  • Ein interessantes Interview mit Mike findet ihr hier.
Nach Port Mc. Neill empfehle ich definitiv eine Anreise mit dem Mietwagen. Von der Fähre aus Richtung Vancouver braucht ihr gut 4-5 Stunden hierher, weshalb sich eine Übernachtung in der Nähe empfiehlt.

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Wir haben in Blockhäusern in Port Mc Hardy übernachtet. Die Häuser von Port Hardy RV Resort & Log Cabins bieten Platz für vier Personen und ebenso auch eine kleine Küche und ein Bad.

Offenlegung: Ich wurde im Rahmen einer Pressereise von Aboriginal Tourism BC und Entdecke Kanada zu dieser Tour eingeladen.

6 Kommentare

  • Hey Janett,
    irre, was du da an einem Tag alles erlebt und gesehen hast. Dafür würde ich auch früh aufstehen. Wir waren letztes Jahr auch auf Vancouver Island (http://bit.ly/2fDqDrr) und haben bei einer Walewatchingtour Orcas gesehen, aber Bären und Seehunde leider nicht. Da lohnt sich der stolze Preis deiner Tour doch tatsächlich. Mal schauen, vielleicht treibt es uns ja nochmal nach Kanada, hab mich ja durchaus in die beeindruckende Natur verliebt. Und dann, das nächste Mal, buchen wir auch diese Tour.

    Liebe Grüße
    Nicole vom Reiseblog
    CicoBerlin

    • Ich war wirklich überrascht über den Preis, meine erste Walbeobachtungstour in Maine hat nur 50 Dollar gekostet. Aber Kanada ist etwas teuer. Vom dem was jedoch geboten wird, ist es echt jeden Cent wert. Die Natur in Kanada ist einfach Hammer – eines der Dinge warum ich unbedingt wieder zurück will.

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