Nordrhein Westfalen

Schicht im Schacht – Extraschicht mal anders.

Es war, soweit ich mich entsinnen kann, meine 6te Extraschicht. Ganz genau weiss ich das nicht, irgendwann habe ich aufgehört mitzuzählen. Und doch war diesmal alles anders. Denn erst um 3 Uhr Nachts sind wir am 30.06.2018 aus dem Urlaub wiedergekommen.

Müde zur Extraschicht

Wer im Schichtdienst arbeitet wird wohl wissen, dass Müdigkeit der Feind jeder Nachtschicht ist. Würden wir also das Abenteuer Extraschicht unbeschadet überstehen? Wir gaben uns dem Versuch hin.

Während ich die letzten Jahre  zusammen mit Jessica immer noch ein Ruhrgebietsabenteuer vorab erlebt habe, fuhr ich diesmal entspannt und erster Klasse (kostet für mich als Ticket2000 Inhaber im Nahverkehr nur 3,50 Euro Aufpreis) nach Essen. Dort haben wir noch entspannter in ein nettes Zimmer im Atlantic-Hotel an der Messe eingecheckt und erst mal relaxt.

Das erste Abenteuer: Die Anreise

Von Essen nach Dinslaken zum Kreativquartier Lohberg ist es ein sehr weiter Weg. Zumindest wenn man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Mein erster Gedanke? Wer bitte hat sich diesen Treffpunkt für die Grubenfahrt ausgedacht?

Sei es drum – von Essen aus ging es an diesem Tag erst einmal nach Duisburg, dort mit einem hoffnungslos überfüllten Extraschicht – Shuttle zum Museum der Binnenschifffahrt und von dort in einer gefühlten Tagesreise zum Kreativquartier. Begeistert war ich nicht, wenngleich ich auf der Tour nach Dinslaken mit einem echten Bergmann reden konnte. Das ist halt Ruhrgebiet!

Das Kreativquartier Lohberg

Wo einst die Zeche Lohberg Kohle förderte – befindet sich heute das Kreativquartier. Veranstaltungsräume, Ausstellungen, Wohnungen – wäre nicht ein Zechenturm im Zentrum des Geländes, den Bezug hätte ich nicht herstellen können. Zur Extraschicht hat sich das Areal herausgeschmückt.

Ein Streetfoodmarkt, Straßenkünstler und ein recht umfangreiches Programm wurden für die Besucher vorbereitet. Von hier aus starteten unsere Touren zur Grubenfahrt in die Zeche Prosper Haniel – und hier verbrachten wir auch eine Großteil der Extraschicht.

Von Tassen begrüßt

Ganz ehrlich? Kunst ist für mich immer ein schwieriges Thema. Warum Tassen im Eingangsbereich der alten Zeche an einem Zaun hingen, erschließt sich mir auch mehrere Tage danach nicht. Vielleicht kann mich da ja jemand aufklären?

Das Gelände war gut besucht. So gut, das wir für Essen und vor allem Trinken richtig lang angestanden haben. Und zwei Stunden Wartezeit dann nur noch wenig Zeit zum „Erleben“ vor Ort gelassen haben. Kohlenmischhalle, Zechenwerkstatt, Fördermaschinenhäuser und der Platz der Vielfalt boten einiges an Programm.

Viel zu wenig habe ich von dem „Dreams of Circus“ mitbekommen, bei dem internationale Artisten ihr Talent unter Beweis stellten. Das kam gut an, nur aus der dritten Reihe habe ich einen kleinen Einblick bekommen.

Achtsam.Ruhr

Yoga, Kunst aus Klangschalen und Live Darbietungen entdeckte ich leider erst viel zu spät in den Fördermaschinenhäusern. Viel zu aufgeregt aufgrund der baldigen Grubenfahrt hätte ich eine „Runde“ Yoga wohl jedoch kaum genießen können. Ich hoffe das solche Angebote auch bei den kommenden „Schichten“ wieder mit im Programm sind.

Achtsam wurde ich jedoch auch bei den Straßenkünstlern. Was für Stimmen! Das Mädel unten auf dem Bild hat mich besonders beeindruckt.

Die Touren mit der Kutsche und das restliche Programm hab ich gar nicht mehr so mitbekommen und auch das restliche Programm war mir plötzlich schnuppe – denn es war soweit. Abfahrt. Zur Grube. Und ich? Ziemlich aufgeregt. Prosper Haniel ist nicht nur irgendeine Zeche – sie ist aktuell noch in Betrieb und fördert aktiv Kohle.

Mit dem Bus waren wir rund 10 Minuten unterwegs. Gefühlt jedoch ewig. Was würde mich erwarten? Bin ich fit genug für die „Grube“. Lauter solche Überlegungen gingen mir durch den Kopf. Viel zu viele unnötige Gedanken, wie sich im Endeffekt herausstellte. Denn vor Ort ging alles Schlag auf Schlag.

Einmal Grube und zurück

Vier Kumpel werden uns für Fragen zur Seite gestellt, im Akkord bekommen wir Helm und Schutzbrille, packen unsere Sachen in ein Schließfach und schon geht es mit rund 25 weiteren Abenteurern in den Aufzug. Ich habe Glück und stehe ganz vorne am Gitter.

Nur rund 1 1/2 Minuten fahren wir hinunter auf 1150 Meter. Zwischendurch sehe ich immer mal wieder Licht und (alte) Schächte und frag den Kumpel neben mir mal gleich nach den sanitären Anlagen unten. Klos? Gibbet nicht. Wer „unten“ wirklich muss, der kann nur hoffen, das er ein ruhiges und trockenes Eckchen findet. Wichtigste Frage beantwortet. Jetzt kann ich entspannen.

Ich merke, wie sich der Druck ändert. Auch dafür wissen die Experten einen Rat. Die Nase zudrücken hilft. Und kaum habe ich mich versehen bin ich unten.

Hier ist es windig. Ein Luftschacht versorgt Prosper Haniel mit Frischluft und ich komme mir so vor, als würde ich in einem Windkanal stehen. Wir steigen aus und laufen (leider nur) 500 Meter in den Versorgungschacht hinein. Bis vor an die Kohle wäre es auch ein weiter weg – denn unterirdisch sind Gänge von bis zu 10 – 11 Kilometer zu überwinden.

„Bis zu unseren Arbeitsplätzen laufen wir jeden Tag 3 – 4 Kilometer. Eine Strecke!“ berichtet mir einer der Kumpel. Für Besucher gibt es sogenannte Dieselkatzen – schmale Schienenbusse, die eine „große Führung“ etwas leichter machen. Doch heute werden rund 900 Besucher hier durchgeschleust,da lässt sich so etwas nicht realisieren. Ein kleiner Einblick in das Leben unter Tage war es dennoch. Unwirklich – diese Welt hier unten. Und doch ganz anders, als ich mir das so vorgestellt habe.

Ende des Jahres ist Schicht im Schacht. Offiziell jedenfalls. Noch zwei Jahre wird rückgebaut. Was anschließend passiert – weiss niemand. Wer sich das ganze noch einmal anschauen will – im September (08.09.2018) gibt es am „Tag der offenen Tür“ auch eine kleine Tour unter Tage.

Kohlenstaub?

Für uns war nach einer halben Stunde „Schichtende“. Mit dem Aufzug ging es wieder nach Oben. Ein paar Fotos, ein Stück Kohle und ein paar Minuten später sitzen wir wieder im Bus.

Auf nach Duisburg

Noch im Bus überlegen wir uns – spontan – nach Duisburg zum Landschaftspark zu fahren. „Dort ist viertel nach 11 ein Feuerwerk“ lese ich aus einem Prospekt vor. Noch einmal in den engen Shuttlebus will ich nicht und so laufen wir einmal quer durch Dinslaken zum Bahnhof. Im Sauseschritt. Uns kommen viele Fahrräder entgegen.

Und ich nehme mir vor – die nächste Extraschicht auch mit dem Fahrrad zu bewältigen. Mit der Straßenbahn 903 geht es nach Duisburg. Das Feuerwerk hat schon angefangen – und während wir zum Landschaftspark laufen, sehen wir immer wieder hell erleuchtet die Pyrotechnik explodieren. Bis – ja bis wir vor Ort sind. Denn just in dem Moment als wir aufs Gelände laufen – geht mit einem Paukenschlag das Feuerwerk vorbei. Die Party vor Ort? Noch lange nicht!

Sinfonie der Zyklonauten

Wir tauchen in eine andere Welt ein. In eine Kathedrale in der Kraftzentrale. In einem Raum stehen zahlreiche Räder – eine elektronisch klingende Stimme hält eine Predigt. Beeindruckend.

Und die Jünger, die mit Lampen durch die Reihen ziehen ebenfalls. Schwer die Kunst zu beschreiben, die sich uns hier bietet.  Viele Besucher sind nach dem Feuerwerk weitergezogen – und doch ist einiges los.

Wir spazieren an den Hochöfen vorbei – schauen uns Bilder von Zechenbrüdern an und entdecken auch hier einen Streetfood-Markt. Die Lichter der Nacht machen uns langsam müde. Zeit nach Essen zu fahren. Aber zum Schluss noch ne Bratwurst. Und ein Bier.

Tschüss Extraschicht!

Es war mal wieder schön mit dir!

Wichtige HinweiseAnreiseÜbernachtungsempfehlungWeitere Inspirationen
  • Die nächste Extraschicht findet am 29.06.2019 im Ruhrgebiet statt.
  • Mehr Infos zu den Spielorten der Extraschicht findet ihr unter extraschicht.de
  • Das Ticket für die Extraschicht kostete die letzten Jahr immer unter 20 Euro (Shuttlebusnutzung und Nahverkehr inklusive). Sparen könnt ihr mit der Ruhrtopcard! 50% des Vorverkaufspreises.
  • Die Busse und auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind recht voll. Wenn möglich, fahrt mit dem Rad oder sucht euch Spielorte aus, die ihr gut auch zu Fuß erreichen könnt.
  • An allen Spielorten gibt es auch Essen und Trinken.
  • Hilfreiche Hinweise zur Extraschicht findet ihr hier

Es empfiehlt sich öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen oder am besten das Rad.

Wir haben im Atlantic Congress Hotel Essen übernachtet. Sehr praktisch: es gibt Frühstück am Sonntag morgen bis 14 Uhr und ein Late Check Out bis 16 Uhr ist auf Anfrage möglich!

Offenlegung: Die Grubenfahrt, das Extraschicht-Ticket sowie das Hotel wurden mir Ermöglich von Ruhrtourismus, dem RAG und dem Atlantic Hotel Essen.

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Janett

Hallo, ich bin Janett, die Gründerin des Blogs Teilzeitreisender.de
Schon immer war ich ein sehr großer Fan von Kurzreisen. Neben einer Teilzeitstelle an der Uni Düsseldorf pflege und hege ich deshalb dieses Projekt - und habe dafür schon das eine oder andere Abenteuer erlebt. Mehr über mich erfahrt ihr unter der Rubrik "Persönliches"