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Nordrhein Westfalen

Paderborn und die Nächstenliebe. Kreative Ideen zur Barrierefreiheit.

Als ich an einem recht sonnigen Freitag nachmittag das erste mal durch Paderborn lief, hatte ich doch leicht Angst, plötzlich vom Blitz getroffen zu werden. Ich, die als Atheistin zwar gerne Kirchen besuche, aber doch nie die heilige Weihe empfangen habe – und dann in einer der Stadt – die mit dem Glauben an Gott wohl so sehr verbunden ist, wie kaum eine andere Stadt in Deutschland. An der Universität kann man Theologie studieren, Paderborn ist Sitz des Erzbistums, dessen Geschichte bis ins neunte Jahrhundert zurückgeht und in Paderborn gibt es ein Erzbischöfliche Diözesanmuseum (anfänglich als „Rettungstation für christliche Kunstwerke gedacht). Das jährliche Libori-Volksfest beginnt mit einer feierlichen katholischen Prozession, in welcher der Liborischrein durch die Stadt getragen wird und der Hohe Dom Ss. Maria, Liborius und Kilian ist in der Stadt unübersehbar.

Nun – mittendrin nun ich. Als ich zum Ibis-Hotel schlenderte, fiel mein Blick auf ein Poster mit der Aufschrift „Die sieben Todsünden“. Ich schaute zum Himmel. Keine Wolke – ich würde schon nicht vom Blitz getroffen werden. Und außerdem war ich ja wegen einer Ausstellung zum Thema „Nächstenliebe“ nach Westfalen gekommen. Und ich denke, das der Herr da oben das auch mit mir hatte, denn bei einem ersten Rundgang durch Paderborn am Abend zeigte sich das Wetter trotz Regenwarnung von seiner guten Seite.

Dom zu Paderborn

Sonne satt, einen Blick auf die Paderquelle und einen kurzen Eindruck vom Dom (inklusive Chorprobe) gönnte ich mir, bevor ich abends im Paderborner Brauhaus ein typisch westfälisches Gericht probierte.

 

Der Morgen begann ebenfalls mit Sonne. Und ziemlich früh. Noch bevor die Ausstellung „CARITAS – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart“ im Diözesanmuseum für die Allgemeinheit geöffnet wurde, durften ich mir gemeinsam mit ein paar Kulturbloggern die Ausstellung anschauen. Während ich von den einzelnen und sicherlich sehr wertvollen Ausstellungsstücken ehrlich gesagt wenig Ahnung hatte, war für mich das Thema „Barrierefreiheit“ sehr interessant. Doch dank einer Führung – die ich bei dieser Ausstellung jedem nur empfehlen kann – gelangte mein Augenmerk auch immer wieder auf das Thema: Nächstenliebe.

Diözesemuseum Paderborn

Die Ausstellung ist wie eine Zeitspirale aufgebaut. Von den ersten dokumentierten „Zeitzeugen“ der Nächstenliebe (Caritas) bis hin in die Neuzeit begegnet man auf mehreren Ebenen zahlreiche originale Exponate zum Thema Nächstenliebe – die zugegebenermaßen oft sehr christlich angehaucht sind.

Geht man in die Anfänge der Religionen, so waren kirchliche Institutionen (welcher Religion auch immer) ursprünglich dafür da, den Armen und Schwachen zu helfen. Umso interessanter und in der Ausstellung auch zu sehen ist die Tatsache, was daraus wurde. Da gibt es Stücke, die wertvoller als mein gesamtes Hab und Gut sind – wohl auch, weil sie Handgeschrieben und vergoldet sind – und dann frag ich mich nicht ohne Grund: Wie kann man so prunkvolle Werke anfertigen lassen in einer Zeit, in der Armut, Krankheiten und Kriege Europa erschüttern? Und es stellt sich heraus – das Nächstenliebe gerade in dieser Zeit rund ums Mittelalter sehr differenziert zu betrachten ist.

Diözesemuseum Paderborn

Die Ausstellung regt auch abseits von ihren Exponaten zum Nachdenken an. Sie zeigt Kontroversen auf, und geht auch mit der Kirche trotz ihrer Nähe durchaus kritisch um. Sie ist an einigen Stellen interaktiv, und doch ist es mehr eine Ausstellung von Exponaten, denn ein Lehrpfad.

Diözesemuseum Paderborn

Barrierefreiheit: Ein wichtiger Aspekt für die Ausstellung, und so war ich um so überraschter, als ich in das Museum kam. Das vom Kölner Architekten Gottfried Böhm erbaute Gebäude könnte verwinkelter und stufiger nicht sein, und sofort stellt sich mir die Frage – wie soll man hier mit dem Rollstuhl durch die Ausstellung fahren können? Doch schnell stell ich fest – wo ein Problem ist, gibt es hier auch eine Lösung. Es gibt einen Fahrstuhl, der jedoch nicht alle Etagen anfahren kann – und so wurde vom Museum in Zusammenarbeit mit verschiedenen regionalen Behindertenverbänden ein Konzept entwickelt.

  • Für Personen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, gibt es einen sogenannten Tragestuhl, der dann durch den Malteser-Hilfsdienst in die verschiedenen Zwischen-Etagen gebracht wird. Oftmals sind zwischen den Etagen auch nur wenige Treppen, so das man das mit Gehbehinderungen ggf. auch alleine schaffen kann. In der Ausstellung hab ich jedenfalls durchaus Menschen im Rollstuhl gesehen.
  • Für Menschen älteren Semesters oder mit Gehbehinderungen werden Klappstühle zur Verfügung gestellt, mit der man sich die Exponate ganz im Ruhe und im Sitzen anschauen kann. Das tolle bei diesen Stühlen ist die Möglichkeit, sie auch als Gehhilfe zu nutzen.
  • Für Menschen mit Sehbehinderungen gibt es einen Audioguide, desweiteren sind einige Exponate mit Brailleschrift versehen. Es gibt auf einigen Ebenen Exponate zum Ertasten. Nach Anmeldung kann man einen persönlichen Begleiter mitnehmen.

 

  • Für gehörlose Menschen gibt es ebenfalls interessante Angebote. Im Museum gibt es Mitarbeiter, die selbst mit dieser Einschränkung leben und sehr interessante Führungen in Gebärdensprache geben. Wir selbst kamen so ganz zufällig in den Genuss, ein paar Buchstaben der Gebärdensprache zu lernen.
  • Für Menschen, die nur wenig Deutsch können, oder aufgrund von anderen Einschränkungen weniger komplizierte Beschreibungen der Ausstellungsstücke benötigen, gibt es  einen Katalog in „Leichter Sprache“ und eine Internetseite, um sich auf einen Besuch vorzubereiten
  • Zum Thema Barrierefreiheit gehört es natürlich irgendwie auch, das ganze fremdsprachigen und sehr jungen Besuchern passend zugänglich zu machen. Für Kinder gibt es neben einem eigenen Audioguide auch spezielle Führungen und es ist möglich, eine Führung auch in Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, und Polnisch zu erleben.

Paderborn

Das Museum bietet ständig wechselnde Ausstellungen – das Programm zur Nächstenliebe ist noch bis Dezember zu sehen. Auch wenn ich in Sachen Kirche und Kunst nicht so eng verwurzelt bin, eigentlich eher Ausstellungen zum Mitmachen mag – so bin ich überrascht – wie sehr mich das Thema (vor allem rund um die Exponate der Neuzeit) berührt. Und so passt auch das Wetter und die Stimmung, als ich mich vom Museum aus auf den Weg zum Bahnhof mache. Ein wenig düster und recht stürmig.

Wichtige HinweiseAnreise und ÜbernachtungMehr dazu im Internet
  • DIe Ausstellung ist vom 23. Juli bis 13. Dezember 2015 im Diözesanmuseum in Paderborn zu sehen.
  • Fotografieren ist in der Ausstellung Caritas nicht erlaubt. Da wir im Rahmen eines Presserundganges unterwegs waren, wurde hier eine Ausnahme gemacht.
  • Es gibt jeden Sonntag öffentliche Führungen um 15:00 Uhr / 15:30 Uhr (Familienführung). Eine Führung dauert ca. 90 Minuten, es gibt jedoch auch eine „Rapidvariante“ in 60 Minuten. Die öffentliche Führung kostet 5 Euro. Übrigens: für 80 Euro kann man auch zu anderen Terminen einen Museumsführer anfragen. Dies lohnt sich vor allem, wenn man in einer kleineren Gruppe unterwegs ist.
  • Der Eintritt liegt für Erwachsene bei 7 Euro. Hinzu kommt noch der Preis für einen Audioguide a 4 Euro.
  • Für die Barrierefrei-Leistungen des Hotels bietet sich immer eine Vorabanfrage an. So können Rollstuhlhilfen und Blinden bzw. Gehörlosen-Führungen besser eingeplant werden.
  • Die wichtigsten Infos rund um Kosten und Angebote finden sie auf der Infoseite der Caritasausttellung
  • Begleitend gibt es ein durchaus interessantes Programm mit zahlreichen Workshops (wie z.b. Poetry Slam), Konzerten, Lesungen und Besprechungen rund um das Thema Nächstenliebe.
  • Ein Rundgang durch Paderborn von hier aus lohnt sich. Der Dom ist gleich hinter dem Museum und auch das schöne Rathaus und der Quellgrund sind in Laufnähe.

Ich habe im Ibishotel Paderborn City übernachtet. Das Hotel ist zwar gut erreichbar und zentral, in Sachen Barrierefreiheit konnte ich in meinem Zimmer jedoch nichts merken. Sauber, Gepflegt ja, aber gerade im Badezimmer sehr eng. Das Frühstück war ganz gut.

Die Anreise empfiehlt sich mit der Bahn, in der Innenstadt direkt habe ich nur begrenzt Parkplätze gesehen.

Offenlegung: Im Rahmen des #pbkleiner3 – Wochenende wurden wir vom Museum und der Stadt Paderborn zu einem Rundgang im Museum sowie einer Übernachtung und einem Abendessen in Paderborn eingeladen.

Über den Autoren

Janett

Hallo, ich bin die Gründerin des Blogs Teilzeitreisender.de
Schon immer war ich ein sehr großer Fan von Kurzreisen. Ich liebe kreative und verrückte Reisen, stehe auch auf Motorsport und Roadtrips. Als Experte in "Günstig in den Urlaub" kann ich sicherlich auch Tipps für eure nächste Reise geben!

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