Kanada

Fernab des Alltags – mein Abenteuer im Camp Matakan

Ich sitze in einem Boot. Die Kirche von Manawan wird immer kleiner und ich realisiere so langsam: Jetzt beginnt ein Abenteuer. Ich schaue zaghaft auf mein Handy. 100 % Akkuleistung – 0 % Empfang. Schon seit zwei Stunden. Meinen letzten Gruß habe ich schnell im Hotel abgesendet. Einen Warnhinweis – das ich jetzt mal weg bin.

Drei Tage offline

Drei Tage und zwei Nächte lang werden wir auf der Insel mitten im Nirgendwo von Quebec verbringen. Es ist ein trüber kühlerer Sommertag und die Bootsfahrt macht mich müde. Gut 35 Minuten sind wir unterwegs, ich muss nicht sagen, dass ich bei Ankunft kein Gefühl für Distanzen und Himmelsrichtungen hatte. Daher kann ich euch natürlich auch nur so ungefähr verraten wo ich da war.

Die Insel

Was in diesem Geflecht aus See und Land ist eigentlich eine Insel? Unsere Heimat für die nächsten Tage sieht zumindest so aus. Eine schmale Holzbrücke führt vom „Festland“ auf ein von Wasser umgebenen Ort – ein Kanu liegt im sumpfigen Sand und ein Husky rennt wild am Ufer entlang. Mit einem großen Sprung auf sandigen Boden beginnt mein Abenteuer. Einen Plan? Gibt es nicht.

Das Tipi

Unser erster Weg führt uns in unser Tipi, einem recht großen Zelt mit Platz für bis zu 6 Personen. Für die kommenden zwei Nächte liegen 4 Schlafsäcke um eine große Feuerstelle bereit, der Boden ist mit Tannenzweigen ausgelegt und über uns hängen Leinen, an die wir unsere Wäsche hängen können. Ich mach’s mir gemütlich. Soweit das halt geht. Wie spät es mittlerweile ist? Ich weiß es nicht. Es ist hier auf der Insel aber auch egal.

Das erste Inselerkunden

Weit weg vom Camp traue ich mich an diesem ersten Tag nicht. Zu unheimlich erscheint mir der Wald hinter unserem Tipi, zu unsicher ist mir das Wetter, was zwischen Regenschauern und Sonnenschein ständig wechselt, zu hungrig bin ich, um die feststehenden Mahlzeiten zu verpassen.

So besteht das erste Inselerkunden darin, das Camp zu inspizieren. Das Team der Atikamekw baut gerade ein Tipi auf und während ich mich auf einen nahen Baumstumpf setze und dem Team bei der Arbeit zuschaue, kommt der Hund des Camps und schaut mich neugierig an. Scheinbar bin ich ungefährlich, denn kurze Zeit später lässt er sich neben mir nieder.

Auch als ich mich wenige Zeit später zum Wasser hinbewege, begleitet er mich. Ob ich da wohl einen neuen Freund gefunden habe? Die Atikamekw wohnen in Holzbaracken, unser Bad ist ebenfalls in einem Holzhaus untergebracht.

Ich bin erstaunt, denn hier gibt es sogar warmes Wasser! Seewasser, wie ich kurze Zeit später erfahre. Ein wenig anfreunden muss ich mich noch mit der Komposttoilette, am Abend habe ich das jedoch ganz gut „raus“ und auch die Mäuse, die mir beim Duschen im Bad begegnen, stören mich nicht.

Auf meinem Rundgang entdecke ich auch schnell meinen Lieblingsplatz. Abseits der Feuerstelle hängt auf einer kleinen Lichtung eine Hängematte mit Blick auf den See. Die Erkundung kann warten – ich will jetzt entspannen!

Essen ist fertig!

Nach knapp einer halben Stunde wird zum Essen gerufen. Eine Baracke dient als Küche, zwei große Tische als Esszimmer. Heute gibt es Fisch. Mit Kartoffeln und Gemüse. Auch wenn hier alles ein wenig wild wirkt und gefühlt die Frauen in der Unterzahl ist – gegessen wird regelmäßig und ziemlich fleischhaltig, für die Männer gibt’s auch mal ein Bier und ich bekomme neben dem Wasser einen speziellen Baumrindentee. Gegen meinen Husten, der mich schon seit Wochen quält.

Für Nachmittag ist ein Ausflug geplant. Mit dem Boot fahren wir hinaus auf den See. Wir suchen Bären (ähm Beeren). Und Elche. Und Biber.

Und das Naturerlebnis.

Ein wenig lustig ist unsere Tour schon. Wir legen an einem unwegsamen Ufer an und laufen die rutschigen Steine hinauf, um Heidelbeeren zu suchen. Der einsetzende Regen durchnässt uns, und ich bin froh, dass ich auf dem Weg hinunter nicht ausrutsche.

Mir wird bewusst, wie mühsam es wohl vor ein paar Jahrzehnten gewesen sein muss. Damals – als die Heidelbeerensuche nicht an der Supermarktkasse endete.

Auf dem Rückweg fahren wir bei Familie Biber vorbei. Die ist natürlich nicht zuhause, für mich ist jedoch der Blick auf den großen Biberbau schon beeindruckend.

Wir sehen leider nicht so viele Tiere auf unseren Trip in die Wildnis. Nur die beiden Camphunde laufen uns ständig über den Weg – bei einem kurzen Zwischenstopp auf Honeymoon Island ist auch mein neuer Freund mit dabei. Wie er wohl hier hingekommen ist? Die kleine Insel liegt 200 Meter vor unserem Camp und ist für frisch verliebte und verheiratete Paare gedacht.

Wir fahren wieder zurück und ich kann endlich wieder in meiner Hängematte Platz nehmen. Ich bin kurz vorm eindösen, als wieder zum Abendessen gerufen wird. „Willst du später mit Angeln kommen?“ werde ich gefragt. Warum eigentlich nicht?

Kein Anglerglück

Ein Adler fliegt los, als wir mit dem Boot zu unserem Angeltrip starten. „Ein gutes Zeichen“ erfahren wir. Und doch scheint uns das Anglerglück an diesem Abend nicht hold zu sein. Dafür gewinne ich jedoch etwas ganz Anderes an diesem Abend.

Inneren Frieden. Die ewig wiederkehrenden Bewegungen beim Angeln, der besondere Himmel über Quebec erzeugen, was 2 Tage Wellnessurlaub bei mir nicht mehr schaffen: Ich entspanne mich.

Lagerfeuerromantik

Gut drei Stunden verbringen wir auf dem Wasser. Als wir im Camp eintreffen, ist es dunkel. Ein kurzer Blick auf mein Handy zeigt mir – 20 Uhr, 80% Akku. Wann habe ich das letzte Mal so wenig aufs Telefon geschaut? Ein Lagerfeuer brennt.

Nach und nach kommen alle Bewohner zusammen und versinken in den melancholischen Gesängen und Melodien der Songs der Atikamekw. Das Feuer knistert, die Sterne über uns leuchten zu Millionen – kann es denn einen schöneren Ort auf Erden geben?

Meine erste Nacht im Tipi

Während sich die Gruppe langsam auflöst, trotte ich zurück zum unserem Tipi. Meine letzte Nacht im Zelt habe ich kaum und wenig geschlafen – ehrlich gesagt stellte ich mich auch hier auf wenig Schlaf ein. In unserer Herberge brannte ein Feuer und der Schlafsack stellte sich als recht gemütlich heraus. So dauerte es auch gar nicht so lange, bis ich in einen tiefen und traumlosen Schlaf fiel, der mitten in der Nacht leider von einem Drücken meiner Blase unterbrochen wurde.

Ein wenig gruselig war der Weg zum „Bad“ schon. Ein Geräusch, welches ich als unheimlich empfand, stellte sich am nächsten Morgen als das Schnarchen aus dem Männertipi heraus – ich jedoch war froh, nach meinem nächtlichen Ausflug wieder zurück im warmen Schlafsack zu sein.

Schwimmen im See

Als ich morgens aufwache, zieht sich eine meiner Mitbewohnerinnen gerade einen Badeanzug an. Schläfrig frag ich sie „Wo willst du hin?“ und bekomme zur Antwort, dass fast alle gerade draußen im See schwimmen sind.

Da fühlte sich der See noch recht kühl an ;)

Auch ich zögere nicht lange und bin 10 Minuten später am Ufer. Kalt ist der See – und doch überwinde ich mich und schwimme bis zur nächsten Lichtung. Eine warme Dusche eine halbe Stunde später und ich war wach und fit wie ein Turnschuh.

Das Fitness-Programm am Morgen

An diesem Morgen konnte ich meinem Lieblingsplatz nur zuwinken. Nach einer kurzen Tour auf dem See und der Suche nach den Fischersnetzen ging es für uns mit dem Ruderboot hinaus.

Anschließend hatte ich zwar gefühlt 300 Splitter in meinen Händen – gestört hat mich das jedoch irgendwie nicht. Mückenstiche? Die habe ich lustiger weise erst nach meiner Rückkehr ins echte Leben gespürt.

Nach dem Essen soll man entspannen? Ich schnapp mir ein Buch und bin kurze Zeit später wieder im Netz der Hängematte gefangen. „Hast du später Lust auf eine ganz besondere Erfahrung?“ werde ich gefragt. Und klar – bei schrägen Sachen bin ich dabei. „Komm im Handtuch und Unterhose begleitet zum Ende der Insel!“ lautet die Ansage. Und just in diesem Moment fühle ich mich ganz stark an eine Folge von LOST erinnert.

Der Weg durch den Wald ist weniger aufregend als ich mir vorher ausgemalt habe. Ein wenig aufpassen muss ich, denn das eine oder andere Mal gibt der Weg nach. Auf der kleinen Wanderung kann ich nur daran denken, das mein überaus knappes Handtuch auch hält was es verspricht – so nackt im Wald will ich nicht wirklich stehen.

Grenzerfahrungen in der Sweat Lodge

Wir sind auf dem Weg zu einer Sweat Lodge (Schwitzhütte). Frauen hatten hier früher keinen Zutritt – was jedoch keine emanzipatorischen Gründe, sondern eher Gesundheitliche hatte. Die Erlebnisse in einer Sweat Lodge ähneln einer Trance – für Frauen ist dies mitunter auch nicht unbedingt das Richtige.

Das Ritual ist langwierig. Erst werden an einem großen Feuer vor dem Zelt Steine erhitzt, dann wird das Zelt mit Zweigen ausgelegt und anschließend muss man nach einem bestimmten Algorithmus nach dem Sweatlodgemeister in das flache Zelt einkehren. Erst die Frauen, dann die Männer. Anschließend wird die Lucke dichtgemacht. Es wird sehr heiß im Zelt und es folgen Gesänge und Aufgüsse. Die absolute Dunkelheit war für mich eine wirkliche Grenzerfahrung – nach einem „Leben“ habe ich das Zelt auch schon wieder verlassen.

Manche dieser Sitzungen dauern bis zu 4 Stunden, ich will nicht länger warten und laufe alleine wieder ins Kamp zurück.

Kreativerfahrungen im Camp der Ureinwohner

Dort sitzt der Chief und schnitzt. Ich frage neugierig, was er da tut und erfahre doch nichts. Erst am Abend wird die Lösung bringen, was er dort angefertigt hat. Ich habe jetzt jedoch auch Lust, etwas Kreatives zu machen und finde schnell heraus, auch das ist im Camp möglich.

Ich erfahre, wie ich mit Birkenrinde und schmalen Bändern aus Rinde einen Becher formen kann. Ganz fertig werde ich jedoch nicht – das Abendessen kommt dazwischen! So ein wildes Leben ist schon ziemlich schwer!

Lagerfeuergeschichten über ein Paddel

Später am Abend sitzen wir erneut zusammen. Der Himmel ist wieder sternenklar und an diesem Abend hören wir die Geschichten der Atikamekw. Von Weisheiten, die der Großvater an seinen Sohn und die Mutter an ihre Tochter weitergibt. Von zwei Paddeln – die zwar allein sich im Wasser bewegen und doch nur im Doppelpack etwas erreichen können. Endlich entdecke ich, was der Chief am Nachmittag geschnitzt hat. Zwei Paddel!

Wir hören vom Adler, von den Rentieren und den anderen magischen Tieren des Waldes und lauschen bis tief in die Nacht den Geschichten. Ganz ohne großes Tam Tam. Als der Chief dann auf mich zukommt und mir einen der Paddel schenkt, bin ich tief gerührt. Den Weg nach Deutschland hat es unbeschadet überstanden. Ob ich wohl irgendwann das dazu passende Paddel finden werde?

Ich liege noch lange wach an diesem Abend. Ich war nur zwei Tage auf dieser kleinen Insel. Langweilig war mir nie – und in der Hängematte bin ich auch weniger gelandet als geplant. Für mich war es vor allem in Sachen „Digital Detox“ eine spannende Erfahrung.

Auch wenn es anfangs nicht leicht fällt – eine Auszeit von dem ganzen Internetkram tut ab und zu wirklich gut. Ich schlafe lange am nächsten Tag. Kurz vor neun werde ich geweckt. „Willst du noch frühstücken?“ Schlaftrunken tapse ich das letzte Mal in die Küchenbaracke. Danach muss ich mich ranhalten. Um 10 Uhr geht unser Boot. Zurück in die Wirklichkeit.

Wichtige HinweiseAnreiseWeitere Inspirationen?
  • Du hast auch Lust auf ein Abenteuer im Camp Matakan? Das Abenteuer „all inklusive“ für 2 Nächte und zwei Tage kostet 425 $, aktuell rund 300 Euro. Für Kinder unter 12 gibt es Rabatt.
  • Die Saison starten im Mai und enden im Oktober.
  • Mehr Infos zur Tour und den Inhalten findet ihr auf der Homepage des Camp Matakan (Französisch).
  • Die Fahrt von Manawan bis zur Insel dauert ca. 35 – 50 Minuten. Falls ihr besondere Nahrungsmittel/Getränke wünscht oder irgendwas Wichtiges braucht, empfehle ich euch, diese in den Supermärkten kurz hinter Montreal zu besorgen. Unterwegs gibt es kaum Möglichkeiten. Natürlich können einfache Wünsche auch vorab vom Matakan-Team organisiert werden.
  • Das Essen ist sehr viel Fleisch und Fisch, wer also Wert auf vegetarische Ernährung legt, sollte dies vorab mitteilen.
  • Auf der Insel gibt es kein Internet und keinen Handyempfang – für Notfälle sind die Einheimischen aber mit Satellitentelefon ausgestattet.
  • Ebenfalls sollte ihr euch auf Stromfreie Tage einstellen. Bis auf wenige Ausnahmen (Dusche, Küche, Mannschaftskabinen) gibt es keinen Stromanschluss – so das ihr eure Kameras und Handys (falls ihr diese unbedingt bei euch haben wollt, vorher aufladen solltet. Mein Tipp fürs Handy: Flugmodus. Der Akku beim IPhone hielt so fast 48 Stunden).
  • Nehmt euch eine Taschenlampe mit. Auf dem Weg vom Schlafplatz (Tipi) zu den sanitären Anlagen und zur Küche ist es sehr dunkel und sehr bewaldet. Falls ihr also den Waldboden nicht unbeabsichtigt küssen wollt – für ausreichend Licht sorgen.
  • Ihr solltet euch darauf vorbereiten, das kleine Mäuse, Spinnen und verschiedene kleinere Tiere im Camp unterwegs sind.
  • Ihr könnt einen Schlafsack mitbringen, aber auch gerne selbigen im Camp leihen.
  • In Sachen Bekleidung solltet ihr auf jeden Fall an Outdoorkleidung denken. Warm, Atmungsaktiv und Schnelltrocknend sind hier schon recht sinnvoll. Handtücher sind im Camp vorhanden. Wechselschuhe sind sinnvoll.
  • Hier gibt es Infos über die Atikamekw
Der Transport von Matakan ist im Preis inklusive. Es gibt die Möglichkeit, von Shawinigan mit einem Wasserflugzeug anzureisen. Der Rundflug kostet 530 $

Offenlegung: Im Rahmen einer Pressereise wurde ich von AboriginalTourism, VisitCanada und TourismManawan eingeladen.

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Über den Blogger

Janett

Hallo, ich bin Janett, die Gründerin des Blogs Teilzeitreisender.de
Schon immer war ich ein sehr großer Fan von Kurzreisen. Neben einer Teilzeitstelle an der Uni Düsseldorf pflege und hege ich deshalb dieses Projekt - und habe dafür schon das eine oder andere Abenteuer erlebt. Mehr über mich erfahrt ihr unter der Rubrik "Persönliches"