Sachsen

Die Bastei – Eine Wanderung der besonderen Art.

Auf einem Zwischenstopp in Pirna fragte ich unsere Wirtin, was es hier zu sehen gäbe.

Die Bastei! Müsse! Ich! Angucken!

Sie schien ganz entsetzt, dass ich die Bastei so gar nicht zu kennen schien. Deswegen habe ich sie besucht.

Auf unserer Welt leben sehr viele Menschen. Ob es nun zu viele sind, oder ob es noch ein paar mehr werden dürfen, darüber mag ich nicht urteilen. Allerdings habe ich es lieber, wenn um mich herum nicht zu viele Menschen sind. Daher meide ich die Fülle der weihnachtlichen Innenstädte, aber auch Badestrände, auf denen die Sonnenhungrigen in Handtuchweite voneinander entfernt liegen und es so dicht gedrängt aussieht, als könnten sie sich – mangels Platz – nur auf Kommando drehen.

Doch gelegentlich gibt es Momente, da bleibt auch mir nichts anderes übrig. Ich muss mich in die Schlange der Wartenden einreihen, mich in einen vollen Bus quetschen, so dass ich im Nacken den warmen Atem des hinter mir Stehenden im Nacken spüre. Am Ziel ausgespuckt, muss ich weiter in der Herde traben, mitlaufen, dicht in der Menge gedrängt aufpassen, dass mich kein fremder Schirm piekt oder sich ein Absatz in meinen Fuß bohrt. Ist der Weg nur schmal, und wollen viele ihn gehen, bleibt kein Platz für die Freiheit meiner Ellenbogen.

Haben Sie einen Bierfilz?

Eigentlich sollte Pirna nur ein Zwischenstopp sein, wir haben uns Dresden angeguckt und wollten anschließend weiter fahren. Wir verbrachten den Abend im ältesten Biergarten Deutschlands, die ganze Stadt Pirna zu Füßen. Da Insekten in der Luft schwirrten, wollte ich ein Deckelchen fürs Bierglas und fragte die Bedienung nach einem Bierfilz. Da sie mich nicht verstand, fragte ich nach einem Bierdeckel. Sie kramte im Abfalleimer und fischte einen Kronkorken heraus. Nein, den wollte ich nicht. Ich versuchte, meinen Wunsch genauer zu erklären, fragte sie, ob denn die Brauerei nicht doch eine Packung mit dicken Pappen, bedruckt, so groß, dass künftig eine Steuererklärung darauf Platz…

Die Bedienung sah nachdenklich vor sich hin, bückte sich, kramte und holte tatsächlich einen ganzen Stapel Bierfilze unter der Theke hervor, noch eingeschweißt und unbenutzt. Wunderbar. (Und gleichzeitig ein Beitrag zur fränkisch-sächsischen Verständigung. Dabei hätte ich eine Frage an alle Sachsen: Gibt es dafür ein sächsisches Extrawort?)

Am Morgen frühstückten wir mit unserer Wirtin, unterhielten uns über das „wo-kommst-du-her“ und „wo-willst-du-hin“, das war für mich das Stichwort. Ich fragte, was ich hier unbedingt gesehen haben müsste. Nach dem Besuch von Dresden erwartete ich, ehrlich gesagt, nicht viel. Doch da hatte ich mich getäuscht und die Rechnung sprichwörtlich ohne die Wirtin gemacht.

Die Bastei! Müsse! Ich! Unbedingt! Angucken!

Sie bestand kategorisch darauf und erklärte gleich, wie wir vom Parkplatz mit dem Bus ans Ziel kämen.

Bastei. Die hatte ich wirklich nicht auf dem Schirm. Mea maxima culpa. Erst saßen hier die Raubritter, dann kamen die Romantiker. Jetzt sind hier Besucher in Scharen.

Je höher wir kamen, desto dichter wurde der Besucherstrom.

Eigentlich ist die Bastei ja ein ziemlich großer Felsbrocken, zu dem viele Wege hinaufführen. Waren sie früher so mühsam begehbar, dass die Maler maulten ob des beschwerlichen Aufstiegs, wurden sie dank Stufen und Brücken immer bequemer ausgebaut.

Noch 1804 wurde denjenigen, die auf die Bastei hinauf wollten, zu einem wegekundigen Führer geraten. Dieser ist längst nicht mehr nötig: Die Wege sind ausgebaut und ähneln in ihrer Verkehrsdichte einer Fußgängerzone während der Hauptkampfzeit kurz vor Weihnachten.

Als ich ein Foto von einem der Aussichtspunkte machen wollte, musste ich warten, bis die Fotografierenden vor mir fertig waren und mich beeilen, damit die Menschen nach mir auch noch ein Foto schießen konnten. An jedem dieser Punkte knubbelten sich die Besucher.

„Können Sie mich mal durchlassen?“

„Ich will auch mal gucken!“

Eine alte Burganlage war eingesperrt und hinter einem dichten Zaun verbrettert. Von außen konnten wir nichts sehen, sollten aber für den 15 Minuten dauernden Rundweg extra zahlen. Das heben wir uns für ein anderes Mal auf.

Je weiter uns der Weg vom Busparkplatz und den Hauptattraktionen wegführte, desto weniger Menschen waren auf ihm unterwegs. Tatsächlich soll der gesamte ausgeschilderte Malerweg 112 Kilometer lang sein, ein Rundwanderweg, der sich nach historischen Reiseführern und gemalten Ansichten richtet. So weit gingen wir heute nicht. Wir wanderten ein Stück bergab, rasteten kurz am Amselsee, dann gingen wir wieder nach oben. Irgendwann mussten wir ja schließlich erst zum Bus und mit diesem dann zum Auto zurück.

An manchen Stellen war der Weg steil und trotz vieler Stufen ziemlich beschwerlich. Zum Glück gab es mittendrin an der Amselbaude einen Ort, an dem wir noch einmal ausruhen konnten. Der Amselwasserfall an dieser Stelle ließ sich mit Hilfe eines Geldstückes einschalten. Da gelegentlich der eine oder andere Besucher eine Münze opferte, kamen wir völlig umsonst in den Genuss des Wasserfalls.

Wir kamen dem Ausgangspunkt unserer Wanderung näher.

Das war auch gut so. Nach den vielen Stufen, erst bergab und dann wieder bergauf, hatten wir uns eine Pause und unser Abendessen redlich verdient. Den ganzen Malerweg können wir ja ein anderes Mal gehen. Wenn wir das wollen.

AnreiseWeitere Inspirationen
Es gibt zwei Parkplätze (kostenpflichtig). Desweiteren gibt es die Möglichkeit, circa alle 30 Minuten mit der Bastei-Linie von Rathewalde mit dem Bus zu fahren. Der Preis für ein Busticket beträgt 1 Euro (eine Strecke).

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Über den Blogger

Sylvia

Gastautorin Sylvia Hubele schreibt, lebt und wandert in Franken und ist manchmal auch anderswo unterwegs. Sie ist Journalistin und textet oft für Webseiten und Blogs. Sie liebt es, gute Dinge zu kochen und lässt sich dabei durchaus von ihren beiden Katzen in die Töpfe schauen.