Thüringen

Mit der Draisine auf Zeitreise – unterwegs zwischen Geismar und Küllstedt

Sicher, die kleine Draisine zwischen Geismar, Lengenfeld unterm Stein und Küllstedt ist nicht so spektakulär, dass sich eine weite Anreise lohnen würde. Wer jedoch in der Nähe ist, kann hier ein echtes Stück Eisenbahngeschichte erleben.

Zurück in die Vergangenheit der Kanonenbahn

Zwischen den Metropolen Berlin im Osten und Metz im Westen herrscht mitten in Deutschland tiefste Provinz, völlig verschlafen und weit weg vom Schuss. So scheint es wenigstens. Doch das war nicht immer so: Als Elsass-Lothringen nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 plötzlich zu Deutschland gehörte, musste dieser neu hinzugewonnene Landstrich selbstverständlich auch an die Verkehrsverbindungen angeschlossen werden. Man wusste ja nicht, was die Zukunft so bringen würde. Sicher war nur, dass Eisenbahnen in damaliger Zeit superpraktisch waren: Auf ihnen würde sich sämtliches Kriegsgerät ebenso wie Truppen von Berlin in den ehemals französischen Westen bringen lassen. Für alle Fälle.

Oma und Opa fuhren mit dem Zug wieder nach Hause.

Die Ingenieure projektierten daher 1872 eine neue Bahnlinie, die schließlich zwischen 1878 und 1880 fertiggestellt wurde. Diese verband Metz, also die Westgrenze von Deutschland, mit Eydtkuhnen, das damals an der deutsch-russischen Grenze tief im Osten lag. Eine Zeitung schrieb seinerzeit zur Eröffnung der Bahn: “So ist doch der Erwartung Raum zu geben, daß die neue Bahn, die Petersburg mit Lissabon auf dem kürzesten Wege durch Deutschland verbindet, eine der frequentiertesten werden wird.” 

Im Bahnhof von Lengenfeld unterm Stein hängen noch Schilder aus alten Zeiten an den Wänden.

Das war sicher alles gut durchdacht und geplant, doch irgendwie kommt ja manchmal vieles anders, als sich die Menschen das so vorstellen.

Bis heute existieren noch einige Teile dieser alten Bahnstrecke.

Es gibt Strecken wie zwischen Berlin und Sangerhausen, auf denen fahren noch richtige Züge, es gibt aber auch Abschnitte, auf denen überhaupt keine Züge mehr unterwegs sind. Da die gesamte Strecke aus rein militärstrategischen Gründen so geplant und projektiert wurde, wie sie bis heute noch zum Teil besteht, sind manche Bereiche tatsächlich kürzeste Verbindungen zwischen weit entfernten Orten. Allerdings befanden sich viele der Bahnhöfe und Haltestellen kilometerweit von den Dörfern entfernt. Dafür waren die Menschen damals noch deutlich besser zu Fuß unterwegs.

Idyll auf der ehemaligen Kanonenbahn.

Die Eisenbahnstrecke zwischen Geismar und Leinefelde, beides im Eichsfeld gelegen, ist ein kleiner Teil dieser alten Kanonenbahn. Ursprünglich zweigleisig angelegt – auf den Brücken und in den Tunneln ist der Platz für das zweite Gleis immer noch vorhanden – fuhren die Züge nach 1945 nur noch diese Teilstrecke. Das zweite Gleis wurde übrigens bereits nach dem ersten Weltkrieg abgebaut, der Versailler Vertrag hatte Reparationsleistungen festgelegt.

Idyll auf der Strecke.

Grenzerfahrungen in Effelder

Mitten an dieser Strecke, in Effelder, wohnten meine Großeltern und wir in Geismar, dem Endpunkt der Kanonenbahn vor der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Wollten wir Oma und Opa besuchen, nahmen wir ganz selbstverständlich den Zug. Damals, als ich Kind war, wurde der Zug von einer Dampflokomotive gezogen. An meine erste Zugfahrt kann ich mich selbst nicht mehr erinnern, aber meine Mutter hat mir von ihr erzählt.

Mühlhausen, Rabenturm und inneres Frauentor.

Ich war gerade einmal zwei Monate alt, als die Eltern mit mir von ihrem Studienort Mühlhausen in Thüringen nach Effelder zu den Großeltern fuhren. Kurz nach dem Tunnel kam der Haltepunkt für das Dorf. Von diesem ist heute nichts mehr zu sehen. Wer damals aus der Bahn ausstieg, musste zwei Kilometer weit laufen, immer bergauf. Erst ging es durch den Wald, dann durch Felder bis schließlich die ersten Häuser zu sehen waren. Die Eltern mussten den Kinderwagen mit mir darin auf seinen schmalen Rädern über den Schotterweg nach oben schieben, geteert waren die Wege früher nicht.

Der Viadukt in Lengenfeld unterm Stein.

Bis zum 31. Dezember 1992 fuhren die Züge noch von Leinefelde bis Geismar. Ab dem 1. Januar hatte der Lengenfelder Viadukt keine Betriebsgenehmigung mehr.

Mit der Draisine nach Küllstedt

Inzwischen fahren Draisinen auf der Strecke zwischen Geismar und Küllstedt: Mit Muskelkraft bewegt, geht es in Richtung Küllstedt stets bergauf. Insgesamt 124 Meter Höhendistanz müssen überwunden werden. Auf der Rückfahrt geht es dafür schneller, logisch, schließlich geht es ja bergab.

Wendestelle für die Draisine in Küllstedt.

Diese Gefällstrecke wurde vor vielen Jahren auch zwei Zugwaggons zum Verhängnis. Abgestellt auf dem Bahnhof in Lengenfeld, hatte wohl ein Bahner vergessen, den obligatorischen Hemmschuh vorzulegen. So konnten sich die beiden Waggons mit ihrer Ladung an Schienen und Schwellen langsam in Bewegung setzen. Sie fuhren bergab, rasten durch den Bahnhof in Geismar und wurden erst vom Prellbock aufgehalten, an dem die Strecke endete. Alles kippte ins Gras und blieb viele Jahre dort liegen.

Zwei Mitarbeiter inspizieren die Strecke.

Allein unterwegs

In Lengenfeld unterm Stein bestiegen wir an einem Frühlingstag unsere Draisine. Da der Himmel wolkenverhangen und die Temperaturen somit recht kühl waren, bekamen wir nicht nur eine Decke für die Beine, sondern hatten fast die ganze Strecke für uns allein. Nur zweimal begegneten wir Mitarbeitern der Kanonenbahn, die unterwegs etwas kontrollierten oder ausbesserten. Unsere Fahrt ging über den Lengenfelder Viadukt, der von 1875 – 1879 erbaut wurde.

In den Tunneln gab es kleine Nischen, in denen Menschen den vorbeischnaufenden Zug abwarten konnten.

Er führt in einer Höhe von 24 Metern ganze 237 Meter in einer Kurve über das Dorf. Das hört sich zunächst wenig spektakulär an, doch ich bin vor Jahren einmal zu Fuß darüber spaziert. Da zwischen Schienen und Schwellen relativ viel Luft ist, konnte ich bequem auf Dächer und Straßen spitzen. Mir war dabei doch recht mulmig zumute, auch wenn ich wusste, dass nur ein paar Monate zuvor noch schwere Züge hier gefahren waren.

Wichtige HinweiseAnreiseWeitere Inspirationen
  • Wer in der Nähe unterwegs ist und Lust auf eine Fahrt mit der Draisine bekommt, sollte dringend vorher anrufen oder gleich online ein Gefährt seiner Wahl buchen. Bei schönem Wetter und in Ferienzeiten sind nämlich schnell alle Draisinen ausgebucht und mit fröhlichen Menschen auf der Strecke unterwegs.
  • Die Draisinen sind zwar auch auf Bahnschienen unterwegs, aber nicht wie Züge an einen festen Fahrplan gebunden.
  • In den Wintermonaten gibt es an den Wochenenden die Möglichkeit die Strecke mit der „Kanonenbahn“ zu befahren. Sie bietet bis zu 40 Personen Platz und kann auch für Events gebucht werden.
  • Es werden verschiedene Draisinen – Größen angeboten. Zwei Personen müssen „arbeiten“ zwei dürfen relaxen.
  • Es gibt drei Mögliche Abfahrtszeiten, die ihr der Internetseite der Erlebnis Draisine entnehmen könnt. Der Preis pro Draisine beträgt unter der Woche 48 Euro, am Wochenende 52 Euro.

Die Anreise ist nur mit dem Auto möglich. Mehr Infos findet ihr hier.

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