Sachsen Anhalt

Bahnfahren in Sorge – oder wie ich 3 mal den Brocken erobert habe

Der Brocken.

Die höchste Erhebung in der Mitte Deutschlands ist nicht nur einmal Ziel meiner Abenteuer gewesen. Schon drei Mal habe ich die 1.141 Meter quasi erklommen.

1997 – Dezember – Schneeregen

Viele Wege führen nach Rom und der erste Versuch war damals auch der anstrengendste. Mitten im Winter – am 27.12. kamen meine Mama und ihre beste Freundin auf die Idee, uns im Schneeregen auf den Berg zu scheuchen. Klar – mit 17 nimmt man das noch etwas lockerer und ja, etwas fitter war ich damals auch und doch war ich damals froh, als wir wieder im warmen und trockenen Auto waren.

Damals fuhr die Dampflok an uns vorbei. Viel zu teuer und unerreichbar und doch kündigte ich meiner Mama an: „Irgendwann werde ich da auch mal mitfahren“. Und siehe da – es war nur eine Frage der Zeit!

„Schatz – ich bin in Sorge“

Wer in Sorge lebt, kennt wohl die Witze, die über den Namen dieses Ortes an der Südseite des Harzes gemacht werden. Noch schlimmer trifft es Elend, was gleich nebenan liegt. Gemeinsam mit Anja und Daniel wollte ich eigentlich in Nordhausen starten. Kurz mal die Zeit vergessen – schon hatten wir den einzigen Abfahrttermin des Tages in der nordthüringischen Stadt verpasst. Dank ein wenig Ortkenntnis kam ich jedoch auf die Idee der Bahn hinterher zu fahren. Wir haben uns Sorge ausgesucht, um von hier aus unsere Brockentour mit der Dampflok zu erleben. Der perfekte Ort – um wichtige Telefonate mit Zuhause zu führen: „Schatz – ich bin in Sorge!“. Ich hab nur ein Bild mit dem Schild gemacht. Reicht fürs erste ja auch, oder?

sorge

Bahnromantik im Harz

Aller Quatsch ist jedoch vergessen, als dann die Dampflok um die Ecke biegt. Laut schnaufen kommt sie zum stehen und ich bin bereit für ein ganz besonderes Abenteuer. Pfft Pfftt Pffft – Quieeeeeetsch. Was ein Geräusch! Nur für uns drei hielt die Bahn in Sorge an – und ich mit meinen kurzen Beinen hatte schon ein wenig Sorge (Wortspiel :)) das ich die Stufen hoch komme.

Die Brockenbahn hat mich schon immer fasziniert. Wohl auch deshalb, weil eine gewisse Bahnromantik in den heutigen schnellen aber hypermodernen Zügen so gar nicht aufkommt. Am Tag meiner ersten Zugreise war mir das Wetter jedoch irgendwie nicht so wirklich hold. Eine graue Nebelsuppe begleitete uns bis hinauf zum Brocken. Spaß hatten wir dennoch.

Holzbänke und Open-Air-Gänge

Auf einer der Holzbänke nahmen wir Platz. Holz? Ja! Und zwar für die kommenden zwei Stunden, die wir bis zur Spitze des Brockens brauchen. Auf den kleinen Abstellbrettchen am Fenster steht die Strecke, und in den Abteilen ist es auch angenehm warm – mich hat es an diesem Maitag jedoch in den offenen „Gang“ verschlagen.

Mit der Kamera bewaffnet öffnete ich die etwas schwerfällige Tür und befand mich sogleich an der frischen Luft. Zwischen den Abteilen sind die Züge offen. So wie in den Wildwesternfilmen. Nur ein Gitter hindert mich jetzt daran aus dem Zug zu fallen.

 

Die Bahn ist schneller als gedacht, und so weht mir der Fahrtwind durchs Gesicht. Immer wieder dann, wenn die Dampflok vorne „durchstartet“ landet auch das eine oder andere Rußpartikelchen auf meinen Sachen. Nach der Rückkehr hätte ich wohl jedem Schornsteinfeger Konkurrenz machen können.

Bis „Drei Annen Hohe“ ist man knapp 30 Minuten unterwegs.

Am Anfang ist die Landschaft vergleichsweise flach, noch begleitet uns eine Straße und noch hat die Dampflok nicht wirklich viel zu tun. Ich begebe mich zurück in den Waggon, wo gerade unser Schaffner vorbeikommt. Ja! Auch die gibt es auf dieser Strecke.

Wenngleich 100% Touristen und wohl kaum ein Schwarzfahrer dabei sitzt, macht ein Schaffner den Charme einer solchen Zugfahrt noch mal größer. Unserer hatte sogar ein paar Späßecken auf den Lippen und wies uns darauf hin, das wir in Drei Annen Hohe knapp 30 Minuten Aufenthalt haben.

Für Bahnfans kommt in diesem kleinen Ort das wahre Highlight der Fahrt: Rangierarbeiten! Die Lok wird abgespannt und mit neuem Kühlwasser befüllt, soweit ich das verstanden habe.

Während alle großen und kleinen Männer (und natürlich meine Wenigkeit) schnell zur Dampflok eilen, um sich das Spektakel anzuschauen, entspannen die meisten Frauen in der Sonne, die ein kleines Stelldichein am Himmel gibt.

Nebel auf dem Brocken

Es scheint so – als würden sie ahnen, was uns gleich erwartet. Nachdem unsere Lok wieder angedockt ist, geht unsere Fahrt über die Strecke der Brockenbahn über Schierke zum Brocken.

In Schierke übrigens solltet ihr den kurzen Stop nutzen, um ganz schnell zum Büdchen am Bahnhof zu flitzen. Dort gibt es eine super leckere Thüringer Bratwurst und den berühmten Schierker Feuerstein, ein Schnäpsecken. Für all diejenigen, die wandern wollen, heisst es hier aussteigen – wir jedoch bleiben sitzen.

Immer nebliger wird es um uns. Das – hab ich mir sagen lassen – ist auf dem Brocken an gut 300 Tagen im Jahr der Fall. Wer einen klaren Blick vom Brocken bekommt, der hat entweder riesen Glück oder lange genug gewartet. Schon seit Schierke stehe ich wieder draußen… der Nebel jedoch lässt es immer ungemütlicher werden und auch die Höhenmeter lassen sich an der Temperatur abmessen. Gefühlt 5 Grad. Ich verzieh mich lieber in die warme Kabine.

Am Brockenstein. Mit voll der Sicht.

Es ist knapp 14 Uhr, als wir den Brocken erreichen. Sicht: 5 Meter. Temperatur: Gefühlt 3 Grad. Wir verziehen uns ins Brockenhaus, in dem es eine Ausstellung, einen Aufenthaltsraum mit Cafe und Toiletten gibt. Zum Gipfelstein wagen wir uns noch, bevor es auch schon wieder zurück zum Brockenbahnhof geht. Nur knapp eine Stunde habt ihr als „Bahnfahr-Touristen“ hier oben. Dank Nebel und kalter Temperaturen waren wir jedoch auch irgendwie ganz „happy“ über den warmen Zug.

 

Die Rückfahrt ging irgendwie viel zu schnell vorüber. Kurz nach 16 Uhr waren wir wieder in Sorge. Also in dem Ort. Meine Kleidung stinkt nach Qualm, ich bin müde und durchgefroren – hab außer ner Bratwurst und nem Schokoriegel nix gegessen – und doch. Das Grinsen auf meinem Gesicht spricht Bände…

Sonnige Aussichten auf dem Brocken

Es vergehen weitere vier Jahre bis ich mich wieder an eine Tour auf dem Brocken traue. Die Idee? Bis Drei Annen Hohne mit dem Auto, dann zu Fuß hinauf zum Brocken und mit der letzten Brockenbahn um 18:30 Uhr wieder zurück ins Tal. Das Wetter an diesem Apriltag überrascht mich.

 

Hab ich meine Reisegruppe schon mit Nebel und Regen-Geschichten eingeschüchtert, so haben wir an diesem Tag bestes Wanderwetter. Nur ein paar kleine Wölkchen sind am Himmel zu sehen! Wird noch das Wunder wahr und ich erlebe einen Blick vom Brocken in die Ferne? Zuerst einmal sind gut 10 Kilometer Wanderweg zu überwinden.

Denn anstatt entspannt die Bahn zum Brocken zu nehmen – bin ich diesmal mit einem kleinen Wandertrupp unterwegs. Die Strecke? Etwas weiter als von Schierke – und auch etwas herausfordernder. Während man von Schierke auf einer Straße zum Brocken hinauflaufen kann – geht die Strecke von Drei Annen Hohne quer durch den Wald – der aufgrund der Sturmschäden im Winter 2017/2018 sogar teilweise noch gesperrt war.

So passierte es auch, das wir über Bäume kletterten, Baumwurzeln von unten bestaunen konnten und auch so eine etwas abenteuerlichere Tour absolvieren mussten.

Ganze 5 Kilometer absolvierten wir quer durch den Wald und entdeckten unterwegs auch noch den Trudenstein, den man auf schmalen Treppen erklimmen kann.

Ein paar Meter traue ich mich auch hinauf und werde von dort mit einem tollen Blick über den Harz belohnt. Über die Kilometer to go reden wir mal lieber nicht ;)

Irgendwann merke ich, das eine „Brockenbesteigung“ doch ein wenig Fitness erfordert. Das eine oder andere mal erwäge ich aufzugeben – doch meine Wandergruppe puscht mich immer weiter. Nach gut 3 Stunden Wanderung ist es dann auch geschafft – wir haben den Gipfen des Brocken erreicht.

Die letzten Meter auf der Betonstraße sind für mich noch eine Herausforderung – und ich beneide nicht die Hexen, die an diesem Tag wohl aufgrund eines kaputten Besens in voller Montur hier entlangwandern. Sie müssen sich beeilen, schon am nächsten Tag ist Walpurgis – ein Event was im ganzen Harz gerne gefeiert wird.

Endlich oben bin ich baff. Ich sehe etwas! Und ich bin durstig und hungrig. Es ist mittlerweile halb fünf und wir haben Glück, das im Restaurant noch etwas zu essen für uns übrig ist. Ich gönn mir eine Bratwurst mit Pommes. Und ein riesiges Spezi. Und fühl mich anschließend wie neu geboren.

Noch haben wir gut 1 1/2 Stunden Zeit. Ein wenig frisch ist es hier oben und ich bin doch froh, meine Jacke mitgenommen zu haben. Wir fahren zuerst auf die Aussichtsplattform im Hotel, die noch einmal ein paar Meter höher liegt.

Von hier aus sehe ich zum ersten mal, wie groß diese brache Fläche auf dem Brocken überhaupt ist. Während des kalten Krieges war hier wohl genau deshalb eine Überwachungstation untergebracht. Heute – gut 30 Jahre später – genießen wir jedoch nur den Ausblick.

Für uns ist es an der Zeit zurück ins Tal zu fahren. Mit der letzten Bahn fahren jedoch nicht allzu viele Gäste mit. Doch wie schon die letzten male zieht es mich wieder nach draußen. Dem Ruß und Fahrtwind entgegen.

Nur knapp 40 Minuten sind wir unterwegs – und die waren nicht mal billig. Mit knapp 18 Euro pro Person für zwei Haltestellen ist dies nicht für jedermann erschwinglich. Für unsere Wandertour jedoch war es der perfekte Abschluss.

Lieber Brocken – wann sehen wir uns denn wieder?

Wichtige HinweiseAnreiseWeitere Inspirationen?
  • Nur einmal am Tag fährt eine Dampflok aus Umweltschutzgründen durch den Südharz. Um diese zu erreichen, müsst ihr in den Sommermonaten um kurz nach 10 am Bahnhof in Nordhausen sein.
  • Plant für eine Bahnreise (Hin und Rückfahrt) auf den Brocken mindestens 5 – 6 Stunden ein.
  • Alle Infos zu den verschiedenen Harz-Schmalspur-Bahnen
  • Wifi ist unterwegs Mangelware.
  • Mit der Thüringen – Card und auch mit der Harz – Card bekommt ihr Ermäßigung auf den Fahrpreis bei der Harzer Schmalspur Bahn.
  • Fotografieren und Aufenthalt in den Gängen ist auf eigene Gefahr hin erlaubt, Kindern sollten nur in Begleitung von Erwachsenen im Außenbereich stehen. .
  • Es gibt ein Cafe und auch einen Souvenirshop – wer will kann vom Brocken eine Postkarte mit Brockenstempel verschicken.
  • Falls ihr schauen wird, wie sich das Wetter auf dem Brocken entwickelt, empfehle ich euch die Webcam von Harztourist
  • Ihr könnt euch Speisen oder Getränke mitnehmen, es werden aber auch im Zug und an den Bahnhöfen Sachen verkauft. Besonders empfehlswert ist die Bratwurst in Schierke – unbedingt probieren!
  • Vor Ort in Nordhausen gibt es günstige Parkplätze, Nordhausen ist via A38 auch sehr gut mit dem Auto oder mit der Bahn von Göttingen und Halle aus erreichbar. Auch in Sorge, Elend, Drei Annen Hohe oder Schierke könnt ihr zusteigen und euer Auto stehen lassen.

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